Donnerstag, 24. November 2016

Was ich meiner Schwiegermutter sagen würde

Dies ist ein Post meiner #99FragenfürEltern Challenge. Wenn Sie nicht wissen, worum es dabei geht, hier entlang.

29. Was würden Sie Ihrer Schwiegermutter gerne mal sagen, trauen es sich aber nicht?

Es ist schon eine Weile her, dass ich mich mit meiner #99FragenfürEltern Challenge befasst habe. Wie das eben so ist im Leben, auch im Bloggerleben, da fängt man was an und dann kommt was dazwischen und man hört damit auf. Und irgendwann fängt man halt wieder damit an. Oder eben nicht. Ganz nach Belieben. Und wo wir gerade bei Lieben sind, da fällt mir meine Mutter ein, mit der ich jeden Morgen telefoniere, wenn ich die Kinder in den Kindergarten gebracht habe. Ein Gespräch, auf das ich mich jeden Morgen freue. Ein Gespräch, das manchmal mit einem Gespräch am Morgen anfängt, mit einem Gespräch am Vormittag weitergeht und mit zwei Gesprächen am Nachmittag immer noch nicht wirklich beendet ist. Auch wenn man das Gefühl hat, man müsste doch jetzt endlich mal was anderes tun. 

Heute Morgen redeten wir über Plätzchen und über das Gefühl, das uns beiden gemein ist. Das Gefühl, alle Kinder am liebsten doch in ihr Zimmer schicken zu wollen während des Vorgangs, weil es ja so chaotisch ist, diese Plätzchenbäckerei mit Kindern. Und weil man ja währenddessen schon immerzu denkt, "Ohje, gleich muss ich das Mehl vom Boden, die Streusel vom Tisch und den Teig aus den Haaren popeln." Und wir redeten darüber, dass das stressig ist und man das ruhig sagen darf, ohne das Gefühl zu haben, man wäre nicht glücklich. 
Das Glück stellt sich ja nicht immer gleich ein, manchmal muss man ein bisschen darauf warten. Manchmal ist das Glück für die Kinder genau diese Schmadderei und man selbst muss da eben durch und mit seinem eigenen Glücksgefühl ein bisschen geduldig warten. Beispielsweise auf den Moment, wenn die Kinder aus dem Haus sind und man sich die Plätzchen reinschieben kann. Manche spüren sicher auch während der Backerei diese Glückssache. Das ist dann auch ok. Façon und so. Worauf wollte ich eigentlich hinaus? Achso, das steht ja da oben. Ich wollte über meine Schwiegermutter schreiben. Das Gespräch nämlich ging dann auch um Plätzchen, die man von der Schwiegermutter bekommt. Und nicht isst. Sondern weiterverschenkt. Und ob man das machen darf oder nicht. Und da fiel mir meine Schwiegermutter ein, die vor neun Monaten gestorben ist. Und mir keine Plätzchen mehr schicken kann. Und der ich deshalb auch nichts mehr sagen kann. Der Übergang ist ein bisschen grob, ich kann mich dafür nur entschuldigen. Aber so war mein Gedankengang. 
Was ich ihr also sagen würde, wenn ich mich traute? Wenn ich es könnte?

Ich würde ihr sagen, dass ich immerzu an sie denke. Nicht gerade beim Plätzchenbacken. Aber zum Beispiel, wenn ich sie esse. Mit den Kindern. Glück und so. Ich würde ihr sagen, dass ich mir keine bessere Schwiegermutter hätte wünschen können. Ich würde ihr sagen, dass ich ihren Anblick auf der Eckbank vor der Küche mit der Zigarette in der Hand und dieser rauen Stimme, die dann von dort zu mir sprach und die heute immer weniger Menschen haben, weil es sich ja nicht mehr schickt, dieses Rauchen (ein wenig zu Recht), dass ich ihren Anblick da oben nie vergessen werde. 
Ich würde ihr sagen, dass ich mir wünsche, dass sie für die Kinder und mich wieder kocht. Diese ungarische Version von Nachkriegsgenerationenessen mit vielen, vielen Kohlenhydraten und viel, viel Fleisch und vor allem viel Fett. Ich würde ihr sagen, dass ich jeden Moment, den sie mit meinen Kindern verbringen konnte, in meinem Herzen trage und dass ich traurig bin um jeden Moment, den sie nicht mehr mit ihnen verbringen kann, den sie nicht erleben/ nicht sehen kann. Ich würde ihr sagen, dass es genau richtig ist, was sie macht und wie es macht und dass sie die Kinder ruhig mit Schokolade voll stopfen soll, denn das gehört sich so für Großmütter. Ich würde ihr sagen, dass ich weiß, dass sie mich anlügt, wenn sie sagt, die Kinder hätten gar keine Schokolade gegessen, aber dass es mir nichts ausmacht, weil ich mich freue an der Freude, die sie dabei hat. Ich würde ihr sagen, dass ich traurig bin, dass ich in diesem Jahr mein erstes Weihnachten seit langem ohne sie feiern muss und dass ich noch nicht weiß, wie ich diesen Anblick der leeren Eckbank ertragen werde. Und wie ich es ertragen werde, wenn die Kinder, wie Kinder das eben tun, die Situation nüchtern zusammenfassen: "Die Oma war krank und jetzt ist sie tot." Ich würde ihr sagen, dass ich sie vermisse und dass ich sie liebe. Und dass ich froh bin, dass ich ihr das auch zu Lebzeiten immer mal wieder gesagt habe. 

Szeretlek Panni. Hiányzol, nagyon.

Freitag, 11. November 2016

Abschalten.

Stell dir vor, du bist im Internet. Und schreibst da ab und zu was rein. An verschiedenen Stellen. Weil es Spaß macht. Weil du Langeweile hast. Oder weil du Lust aufs Schreiben hast. Weil es dir gut tut, was rauszulassen, einen Gedanken zu teilen. Oder du das Gefühl hast, da liest jemand mit und das ist ja fast wie Zuhören. Und das tut gut. Stell dir vor, du schreibst und schreibst und die Menschen lesen und lesen und schreiben auch. Und reagieren. Und kommentieren. Und das ist nicht immer positiv, aber das ist auch nicht so schlimm. Das gehört dazu. Und wenn es zuviel wird, dann schaltest du eben einfach ab. Kein Problem.

Stell dir vor, du fährst an fremde Orte und lernst einige dieser Menschen persönlich kennen. Du erzählst deinen Menschen offline nicht viel darüber, weil sie nicht wissen, warum du das eigentlich tust. Manche dieser Menschen haben schließlich so komische online-Namen. Und dann belächeln dich Menschen, die sich online so gar nicht aufhalten. Und das willst du nicht. Du verstehst auch nicht, warum so viele in schwarz und weiß, in on- und offline denken. Ist doch alles eins. Und du findest diese Menschen da spannend. Du fährst. Triffst diese Menschen. Du lernst sie kennen. Du fängst an, sie zu mögen. Erzählst ihnen aus deinem Leben. Sie dir aus ihrem. Ihr teilt ein Stück Leben miteinander. Ist doch nett. Offline. Online. Ein heilloses Durcheinander. Ihr teilt Momente. Alles vermischt sich. Ein einziger großer Momentesmoothie.

Stell dir vor, diese Erlebnisse häufen sich. Du fährst immer öfter an fremde Orte und lernst immer mehr Menschen kennen. Die Jahre vergehen. Diese Menschen lernen deine Kinder kennen und du ihre. Du teilst dein Leben und sie teilen ihres. Du triffst so viele Menschen, mit denen du dich sofort verstehst, obwohl du sie gar nicht kennst. Aber du liest sie. Und sie lesen dich. Und ihr habt gemeinsame Gedanken. Interessante Gedanken. Witzige, beflügelnde, kritische. Stell dir vor, dir macht das soviel Spaß, dass du mit immer mehr Menschen Momente teilst. Und du teilst die Momente dieser Menschen mit anderen Menschen. Online, offline, da gibt es keine Unterschiede mehr. Es ist alles ein großes Gewurschtel. Es macht dir Vergnügen, dieses Gewurschtel. Du magst diese Menschen und hast so gern an ihren Momenten teil und teilst gern deine eigenen Momente mit ihnen. Manchmal verschwimmen die Momente, weil es so viele sind. Du kannst nicht alles richtig einordnen, aber das gehört doch dazu? Das passiert doch jedem einmal?

Stell dir vor, du denkst sehr viel an diese Menschen. Sehr oft. Es sind gute Gedanken. Sie beflügeln dich, inspirieren dich, machen Spaß. Und so beschäftigst du dich sehr viel damit. Innerlich und äußerlich. Du schreibst, teilst, lässt Menschen rein, lässt Menschen raus.  Immerzu gehen Türen auf und zu. Aber insgesamt kommen mehr rein als rausgehen. Immer mehr Menschen. Immer mehr Momente. Und immer mehr Gedanken. 

Und dann gibt es da diesen einen Moment, da ist was komisch.
Da willst du abschalten und dann geht das plötzlich nicht mehr.
Dann willst du auf dein Zimmer und die Tür hinter dir zuknallen und merkst: 
Damit kommste wohl auch nicht weiter. Tut aber trotzdem manchmal ganz gut.



Montag, 31. Oktober 2016

Das muss es sein, das Elternparadies

Manchmal erlebt man als Eltern einen Moment mit seinen Kindern, ganz indirekt aus der Ferne, in dem man denkt, ach wenn ich jetzt eine Kamera hätte, das wäre doch schön, dann könnte ich diesen Moment festhalten und dann fällt einem mitten im selben Moment ein, dass das gar nicht festhaltbar ist, so schön wie das ist und dass man den Moment nicht ruinieren will mit dem Wühlen nach dem passenden Endgerät und mit dem Verschwenden der eigenen Gedanken an die richtige Perspektive für die Verewigung des Moments. Und deshalb schaut man einfach hin, ganz genau. 

So wie wir heute nach dem Mittagessen. Auf unseren Sesseln im Restaurant. Vor einem Espresso und einem Stück lauwarmen Schokokuchen, mit Blick auf den Spielplatz direkt vor dem Restaurant. Das klingt, als dächte ich mir das aus, das kann so schön gar nicht gewesen sein, aber doch, das war es tatsächlich. 
Wir saßen da vor dieser Kulisse und schauten zu, wie Sohn I und Sohn II Tochter I helfen wollten in die Kleinkindschaukel zu klettern, damit diese schaukeln kann. Sie besprachen miteinander die Strategie, denn schnell stellte sich heraus, dass keiner der beiden stark genug wäre, sie hinein zu heben, fanden aber einen Stuhl und befanden, dass Tochter I über diesen in die Schaukel klettern sollte. Stellten sodann fest, dass der Stuhl nicht hoch genug war, aber man müsste noch mehr Stühle haben und diese stapeln, das würde doch dann sicher einen höheren Turm ergeben. 

Und so ergab es sich, dass alle Stühle übereinander gestapelt tatsächlich ausreichten und Sohn I mit viel Wirtschafterei und auch etwas Durchwürgerei Tochter I in die Schaukel half, um sie dann vollständig zu beglücken, indem er sie noch anschubste. Sohn I und Sohn II gratulierten sich noch zu erfolgreichem Teamwork. Und die Eltern schauten aus der Ferne zu, schlürften Espresso, ließen sich Eis und Schokokuchen mit flüssigem Kern auf der Zunge zergehen und dachten, dass muss es sein, dieses Elternparadies.

Übers Tragen oder über große Wäscheberge

"Wenn du zwei oder drei hättest, könntest du das auch nicht machen", spricht der Opa zu mir, seiner Tochter, die seine Enkeltochter im Tragetuch (aus dem die Autokorrektur gerne Tagebuch machen will, weil alles andere etwas eigenwillig erscheint) vor dem Bauch hat und versucht, sie möglichst wenig mit Hühnerfrikassee zu bekleckern, weniger deshalb, weil das Baby nicht schmutzig werden soll, als vielmehr, damit es nicht aufwacht, denn das wäre doch denkbar ungünstig, wenn sie die eigene Mahlzeit unterbrechen müsste, um eine für das Kind zu organisieren. 

Ich hörte diesen Satz und überlegte lange daran herum. Nicht weil er so schlimm ist oder ich mich so darüber aufrege, denn das tue ich nicht. Ich bin, was solche Anmerkungen angeht, ganz altersmilde geworden, wenn sie von den eigenen Eltern kommen, erst recht. Woher das kommt, weiß ich nicht. Vielleicht bin ich alt, weil im Grunde 40. Aber ich finde es nicht mehr so lohnenswert wie früher, immer gleich zum Protestmarsch zu aktivieren. Da kommt dann alles in Wallung und am Ende regt man sich noch so sehr auf, dass man Mahlzeiten unterbrechen muss. Oder gar abbrechen. Ein Frevel wäre das. Und der wunderbare Tragetucheffekt - der mit dem schlafenden Baby - wäre am Ende gar auch weg. Das hat keinen Sinn. 

Nachdenklich hat mich der Kommentar dennoch gemacht. Mein erster Gedanke war, was für ein Unsinn. Last time I checked, saßen da drei andere Kinder mit am Tisch. Ich habe also "zwei oder drei" und trage das jüngste Exemplar dennoch im Tuch. Weil dieser Gedanke ein sehr plötzlicher war und dabei ein sehr unüberlegter, wie die meisten dieser Art, polterte er heraus wie ein Kleinkind in den Spielzeugladen hinein und wurde direkt väterlich zurecht gerückt: Es ginge dabei ja um zwei oder drei Babys, die man nicht gleichzeitig tragen könne. 
Auch daran dachte ich noch eine Weile herum, selbst das könne man ja irgendwie, es gibt ja auch Menschen, die behaupten, man könne nicht zwei Kinder gleichzeitig stillen, und doch habe ich das mehrere Monate getan, ohne irgendwie besonders zu sein. Nacheinander halt. Wie man eben auch zwei oder drei Kinder tragen kann. Nacheinander. Wie bei allen anderen Aktivitäten, bei denen es dazu kommt, dass Kinder sich eben abwechseln müssen. Das soll ja vorkommen. Das diskutierte ich aber nicht mehr aus, hier setzte meine Altersmilde bezüglich solcher Kommentare ein. Stattdessen überlegte ich, woher kommt dieser Kommentar, warum muss der raus? Was soll er bedeuten und warum kann er nicht drin bleiben? Vielen würde das gut tun, wenn Kommentare dieser Art einfach drin blieben, denn nicht alle sind ja alt. Oder milde. Oder ...Sie wissen schon. Aber das scheint oft nicht zu gehen. Was raus muss, scheint rauszumüssen.

Hier prallen offenbar Welten aufeinander. Welten, die sich so massiv unterscheiden, dass man geneigt ist, aus Studien zu zitieren oder wenigstens aus dem Internet, um den anderen von der eigenen Sache zu überzeugen. Ich kann mich da beherrschen, ich schlucke das herunter und lasse meine Gedanken ein wenig wachsen, bevor ich sie herausschieße. Manchmal schieße ich auch gar nicht mehr. Sogar sehr oft. Deswegen denke ich aber nicht weniger. Eigenartige Sache, das.

Und so kam es, dass ich an diesem Wochenende herausfand, warum ich mein viertes Kind soviel herumtrage, statt es abzulegen, so schnell wie möglich. Warum ich soviel mit ihr herum sitze und kuschele, statt sie herumzuschieben oder was anderes zu tun. Warum ich lieber zwei Stunden mit ihr im Sessel sitze, als eine halbe Stunde was wirklich, wirklich Wichtiges zu tun. 

Ein Baby zu tragen macht Spaß. Ein Baby nicht abzulegen ist so viel schöner, als es abzulegen. Mit dem Baby im Tragetuch Mittag zu essen ist mitunter so viel stressfreier, als mit dem Gedanken zu speisen, es könnte jederzeit aufwachen und dann muss die Mahlzeit unterbrochen werden. Einfach sitzen zu bleiben mit dem Baby ist manchmal die größte Entspannung auch für mich. Und warum dann nicht? Wenn nach dem Aufstehen und Ablegen doch bloß der Wäscheberg wartet? Wozu dann aufstehen? 

Warum aber gibt es Menschen, die das anders sehen? Warum gibt es Menschen, die das Baby lieber schnell ablegen, um sich dem Wäschehaufen zu widmen? Oder die zumindest der Ansicht sind, dass man dies tun müsste? Der Gedanke, den ich mir an diesem Wochenende dazu zurecht gelegt habe und mit dem ich mich wohl fühle, in meiner ganzen altersmilden Ignoranz, ist denkbar simpel: Die Wäschehaufen dieser Menschen sind (oder waren) einfach zu groß. Ich kann das ein bisschen nachvollziehen. Auch wenn ich mich derzeit lieber mit meinem Baby zum Kuscheln auf einem unserer Wäscheberge treffe.