Dienstag, 14. März 2017

Häppchen


4.30 Uhr Irgendwas mit einem Babygeräusch. Und Stillen.

4.50 Uhr Irgendwas mit ich schleiche leise in die Küche, stelle die Kaffeemaschine an, denke kurz darüber nach, dass ich mir endlich eine neue Kaffeemaschine zulegen muss, weil der Kaffee so grauenhaft, naja später, jetzt erstmal Koffein.

4.55 Uhr Irgendwas mit einem Blubbern der Maschine und wie es die Stille im Haus durchbricht. Diese Stille, die man hier nie erlebt, außer eben um 4.55 Uhr manchmal, wenn die Stille ganz laut ist.

4.58 Uhr Irgendwas mit "NEIN - ICH WOLLTE ZUERST DIE TREPPE RUNTER" und Gepolter, Schritte, Gerufe, Gerangel auf einer Treppe, ganz weit weg (möchte man sich zumindest vorstellen), denn diese Lautstärke kommt einfach zu plötzlich. Aber die Schreie kommen näher, immer näher und mit viel Glück dann 

4.59 Uhr Irgendwas mit "Mama, hast du gut geschlafen? Ich hab von Elsa geträumt und kannst du mir nicht was vorlesen, bütte, bütte!" "Oh ja, bitte" und der Gedanke, uff, sie haben den Treppenstreit auf der Treppe gelassen und so ist die Treppe doch ganz weit weg und übrig nur ausgeschlafene harmonische Kinderseelen, nach denen mein müder Mutterkörper sich sehnt und die zufrieden sind, wenn sie mir beim Kaffeetrinken zuschauen und beim Vorlesen zuhören können. Und so kann ich ein paar Minuten die Mutter sein, die ich am liebsten bin. Auch weil das Sofa ein ganz wunderbarer Zwischenschritt von der Horizontalen zur Senkrechten ist. Es ist ja schließlich noch nicht mal FÜNF!

5.23 Uhr Irgendwas mit "Mama, jetzt will ich aber wirklich frühstücken. Ich will Müsli. JETZT: SOFORT" und dem Suchen und Finden von Nahrungsmitteln in Küchenschränken und der Erinnerung daran, dass da vermutlich noch Nahrungsmittel in Kindergartentaschen sind und dass die irgendwer gestern Abend nicht ausgeräumt hat und irgendwas mit "Mama, hast du Wasser?" und "Leg das Buch weg beim Essen!" und "Kannst du mir heute Gelbwurst auf mein Brot machen?" 

5.40 Uhr Irgendwas mit "Ich geh dann mal duschen Kinder, ihr bleibt hier und wenn ihr schreien müsst, schreit leise, ok?" und einer 50/50 Chance, dass Teile meiner Aussage von mindestens einem Kinde ignoriert werden. Eigentlich bleibt nur "Mama duschen" hängen. Und wenn das so richtig tief einsinkt, dann wird daraus "Oh, duschen. Wasser. Wanne. Ich will auch. HINTERHER!"

5.41 Uhr Irgendwas mit na gut, dann gehen wir eben zu fünft ins Bad.

6.01 Uhr Irgendwas mit Anziehen und Socken zum Kleid oder Strumpfhose zum Pullover und einer bösen, bösen Mama, die keine Ahnung hat von alldem und sich nicht so haben soll wegen den paar Tomatensoßenflecken auf dem Elsakleid.

6.20 Uhr Irgendwas mit Erwachsenengespräch, ganz kurz nur. Irgendwas mit Kultur und Theater und wie sich die Menschen nur noch nach dem Leichten und Seichten sehnen und niemand mehr nachdenken wolle und könne, weil alle nur noch Häppchen vertrügen und die Happen eben nicht Mainstream und Nichtmainstream, na wer wolle denn das? Und das wäre doch schlimm. Das wäre doch früher alles viel besser gewesen. Und gleichzeitig Gedanken an Schlafen und Nackenschmerzen wegen zu kurzer Stuhllehnen im Theater.

6.21 Uhr Irgendwas mit "Mama, ich will Olaf mitnehmen heute, darf ich? Bütte, bütte!"

6.22 Uhr Irgendwas mit das Gespräch müsste man fortsetzen, das ist doch ein wichtiger Gedanke? Vielleicht schnell aufschreiben den Gedanken, damit man das nicht vergisst und dann kann man ja später, hm, wo ist mein Handy eigentlich? Ach da. "Mama, darf ich? Darf ich?" "Klar darfst du!" "MAMA, ich hab die Milch ausgeschüttet, is nicht schlimm!"  "Nee, ist nicht schlimm, aber wisch mal weg!" und "Mama, kannst du mir die Zähne putzen?" "Jo."

Was wollte ich noch gleich aufschreiben? Welcher Tag ist heute eigentlich? Ach der 14., oh Gott, noch zwei Wochen bis zum Umzug, wann ist eigentlich diese komische U-Untersuchung? Ich darf nicht vergessen, dem Umzugsunternehmen zu schreiben. Und der Vermieterin. Und dem Bürgermeister. Und der Tagesmutter. Und nachher muss ich erstmal neue Hosen bestellen, so geht das ja nicht weiter. Der Junge wird ja noch gehänselt wegen seiner Hochwasserhosen. Und um die Versicherung muss ich mich auch kümmern, boah wie siehtn das hier aus? Was wollt ich eigentlich mit dem Handy jetzt? Ach, erstmal bisl Internet. Irgendwas mit Häppchen. Da war doch was. Was war das bloß?

Mittwoch, 1. März 2017

Ein Termin wäre doch fein

Sie glauben ja gar nicht, wie einsam so ne Elternzeit sein kann. Diese Stille immerzu im Haus. Mit vier Kindern, mag man sich fragen, wie kann das da still sein? Und ja, das stimmt: Die Stille, die ist oft eher innen als außen. Jetzt gerade ist sie auch im Haus, denn es ist 3.45 Uhr und alle schlafen. Das tun sie um die Zeit eigentlich immer und ich höre mir das manchmal aktiv an. Das macht Spaß. Denn in diesen Momenten passt die Stille zueinander, innen wie außen. Das ist eine ziemlich ehrliche Angelegenheit.

Ich bin ja nun zum vierten Mal in Elternzeit. Und die Abstände zwischen den Zeiten waren nicht besonders lang, weil die Kinder, nun ja, sie wollten nicht aufhören zu kommen. Eines witziger als das andere, wer könnte da nicht noch eins wollen? Also blieb ich zuhause und kümmerte mich. Und ich kümmere mich nicht auffallend gut. Ich bin eine ganz durchschnittliche Mutter, das kann ich wohl sagen. Das ist nicht schlimm und ich schreibe das auch nicht aus Fischereigründen. Ich fühle mich, was die Mutterrolle angeht, ganz wohl im Durchschnitt. Mir wird oft gesagt, ich wäre sehr entspannt und immer so locker. An guten Tagen verstehe ich das als Kompliment, an schlechten halte ich es mit alter Referendariatsüberinterpretation und denke, das soll sicher heißen, ich habs nicht im Griff. (im Griff haben - das ist zum Beispiel was, darüber denke ich viel nach. Die Kontrolle ist ja eine meiner schlimmsten Baustellen. Alles kontrollieren zu wollen, obwohl ich es gar nicht unbedingt besser kann oder besser weiß. Aber es ist doch besser, man weiß Bescheid.)

Ich weiß übrigens auch gar nicht, was eine besonders gute Mutter ist, wie will ich mich da glaubwürdig abgrenzen, aber man hat ja so Vorstellungen, Sie kennen das vielleicht. Die variieren ja ganz stark, deswegen schreibe ich sie lieber nicht auf. Eigentlich will ich aber darauf hinaus, dass mich in jeder dieser Elternzeiten irgendwann der Gedanke beschlich, ich müsste raus. Raus aus dieser watteweichen, terminlosen Zeit. Um eine bessere Mutter sein zu können. Auch das ist ja ganz normal. Solche Gedanken hat man eben. Dieses Mal kamen sie viel später (das Kind ist nun ein halbes Jahr alt, ich habe also für meine Verhältnisse ziemlich lange durchgehalten und ich habe aktiv genossen - dieses Baby ist mindestens so goldig wie die anderen drei Babys unserer Baureihe und ich habe jetzt sechs Monate intensiv hingeschaut. Sehr intensiv! Man munkelt, zu intensiv
Aber mit mir ist es nach der Geburt wie mit dem Laufenlernen. Sobald ich sicher stehen kann, will ich auch loslaufen. Sobald ich mich sicher fühle in meinem Terrain, sobald ich mein Kind kenne, sobald ich die Zeichen des Kindes im Halbschlaf, im Dunkeln, draußen, drinnen, hinter schlimmsten Geräuschkulissen, zu allen Zeiten sicher deuten kann. Sobald sich unsere Familie sortiert hat, sobald alle wieder ihren Platz gefunden haben und sobald ich angekommen bin in der Rolle als Mutter mit xy Kindern, will ich aufs nächste Level. Denn was ich jetzt noch verbessern kann, das kann ich nur, wenn ich nicht immerzu 24/7 die Herrin meiner eigenen Zeit bin. Die einzigen Termine, die ich in den letzten - ich schreibe lieber nicht wie vielen - Monaten hatte, waren Arzttermine mit den Kindern. Und ab und an ein nicht besonders erfreulicher Kita-wir-haben-leider-keinen-Platz-für-Sie-Besprechungstermin. Und jetzt bin ich an dem Punkt, an dem das Gefühl - Muttersein, Frausein, Menschsein - deutlich angenehmer wäre, wenn es da mal wieder was anderes gäbe, da bin ich mir sicher, da kenne ich mich gut. 

Zum Glück kommt ein großer Umzug, alles neu, alles von vorn. Das kennen wir schon, das haben wir 2012 und 2015 schon einmal gemacht. Da habe ich dann vermutlich ganz schnell so viele Termine, dass die Ohren wackeln und ich mich zurückwünsche in diese terminlose Kaugummigzeit. Aber jetzt gerade, hier in diesem dunklen Wohnzimmer, um 5.05 Uhr am 1.3.2017, da denke ich: Mal wieder ein richtiger echter Termin, das wäre doch fein.


Dienstag, 24. Januar 2017

Vom Loslassen

Bestimmt waren Sie in Ihrem Leben auch schon mal an der Stelle, an der irgendjemand (irgendjemand vermutlich sehr Schlaues) zu Ihnen gesagt hat: „Was man wirklich liebt, muss man loslassen.”, was ja im Grunde nichts anderes ist, als ein besonders schön verpacktes ”Deal with it.” Es passt eigentlich auf Trennungssituationen jedweder Art und wird häufig auch nicht so übel genommen, weil es so philosophisch daherschwebt. Und weil jeder mindestens ein literarisches Vorbild dazu kennt (naja oder eben ausm Fernsehen, da bin ich nicht so).

Dennoch. Sie sehen mich an dieser Stelle meines Lebens sitzen und leise vor mich hingrummeln (das laute Aufstampfen gewöhne ich mir langsam ab, das ist sicher nicht das schlechteste Zeichen): "Was für ein Riesenmist. Was ICH lieb, das halt ich fest. Und dieses Loslassen, das sollen bitte andere übernehmen."

Wenn man sie in Festhalteeinheiten messen wollte, wäre die Liebe zwischen mir und meinen Kindern wohl ziemlich groß. Und auch sonst natürlich. Aber wenn sich die Formel aufstellen ließe, je fester, desto Liebe, dann wären wir da ganz weit vorn.
Nun war das bisher kein Problem. Diese Kinder sind ja diesbezüglich sehr lange sehr praktisch. Die wollen ja festgehalten werden. Am liebsten immerzu. Insofern standen wir uns da mit meiner Festhalterei nicht so richtig im Weg hier in den letzten Jahren. Doch nun ist auf einmal alles anders. „Allein!” ruft es immerzu. „Lass mich los. Lass mich gehen. Kann ich woanders...?” Und dann fragt man sich, was ist da los und will ein bisschen dagegen anfesthalten, um dann festzustellen, dass es alles nichts nützt und diese schlauen Menschen (siehe weiter oben) schon Recht haben mit dieser furchtbar schmerzlichen Weisheit. Was man liebt, lässt man ganz sicher, wahrscheinlich, vermutlich, vielleicht, doch bestimmt irgendwann los.

Und so ließ ich das Kind heute Morgen ein bisschen los. So zum Üben. Sohn I durfte allein in den Kindergarten gehen. Bevor ich das aber tat (also das mit dem Loslassen meine ich, Sie merken, es geht hier tatsächlich eher um mich, so ein Quatsch) hielt ich ihn nochmal richtig fest, sonst wäre ich wohl nicht ich, in Form von so vielen Instruktionen und Hinweisen, dass das Kind mir später, nach erfolgreich absolvierter Loslassung, freudestrahlend berichtete: „Ich hab überlebt, Mama!”

Zwei Sachen gingen da durch meinen Kopf: 
1. Genau mein Gedanke! 
2. Dieses Loslassen ist eine ziemlich komplizierte Sache, aber ich pack das.

Montag, 23. Januar 2017

Eins noch. Und dann vielleicht noch eins.

Eigentlich hatte ich versprochen, mich vom Bloggen zu verabschieden. Ich hatte mir sogar die Mühe gemacht, diese Verabschiedung anzukündigen. Das gibt ein wenig dramatischen Schliff. Soweit habe ich dabei natürlich nicht gedacht, ich wollte den Laden nur einfach tatsächlich zumachen, denn irgendwie waren sind die Schaufenster schon so angestaubt und es wollte auch niemand mehr so recht hereinschauen, was viel damit zu tun hat, dass die Auslage immer dieselbe ist und die Menschen sowieso nicht mehr so häufig in die örtlichen Geschäfte gehen. Aber noch mehr hat es damit zu tun, dass es meistens an vernünftiger Ware fehlt. Aber wie es manchmal so ist im Leben, hatte ich nun nicht mal genug Zeit, um den Laden richtig abzuwickeln und dann hatte ich plötzlich doch wieder das Bedürfnis, was anzubieten und das tue ich nun eben. Seien Sie dabei, es geht um Fakten. Alternative.

Ein Begriff, der an diesem Wochenende geprägt wurde. Wenn Ihnen das entgangen ist, dann hatten Sie vermutlich ein sehr schönes, winterliches Wochenende auf irgendeinem Skihang, fernab von digital und ich beglückwünsche Sie dazu. Denn das ist wohl ein Begriff, der einem einen Schauer über den Rücken jagt. Im gegebenen Kontext. Von nun an in jedem Kontext vermutlich. Oder schon immer, ich weiß gar nicht, so richtig trennen lässt sich das ja nun nicht mehr. Mein heimischer Kontext ist der der Kindererziehung, darauf wollte ich den Begriff gern übertragen. Manchmal hilft das, die Dinge im Kleinen zu durchdenken, um sie im Großen besser zu begreifen. Obwohl, das hier ist eigentlich ziemlich offensichtlich. Oder doch nicht?

Sie müssen wissen, ich habe ein Kind im Vorschulalter. Das müssen Sie nicht wissen, aber für die Übertragung des Bildes hilft es. Das ist dieses Alter, in dem die Kinder anfangen, mein Kind anfängt, Dinge zu sagen wie "Ich mach das nicht. Das kannst du alleine machen, du machst hier sowieso nie was!" Oder "Räum doch alleine auf!" oder "Ist mir total egal, was du von mir erwartest." oder oder oder. Ich will Sie nicht weiter belästigen, Sie merken selbst: Das Kind ist auf seiner ersten großen Reise. Es weiß nicht so genau, wohin es geht, aber es hat eine leise Ahnung, dass es aufregend wird. Sehr aufregend. Und dass nichts mehr so sein wird wie vorher. Und weil das so ist, ist es unsicher. Und versucht deswegen, sehr sicher aufzutreten. Und jetzt muss ich irgendwie von diesem verflixten es wegkommen, das macht einen ja meschugge. 

Also der Junge, um den es da geht, er ist sehr forsch. Er tobt. Er schimpft. Aber das ist gar nicht so besonders spannend, das kennt man ja. Spannender sind die zahlreichen Tests meiner Geduld, meiner Güte. Meiner Ausdauer. Meiner, naja alles, was man eben bei Eltern so testen kann, wie das so funktioniert. Man probiert was, merkt, oh, da wird sie laut, dann probiert man was anderes und merkt, oh, da passiert gar nichts, das is ja langweilig und dann probiert man einfach im Restaurant auf den Tisch zu klettern und schaut, was dann passiert. Oh. Es gibt da so einiges, was man testen kann, überlegen Sie doch ruhig mal kurz, was sich da bei Ihnen gut testen ließe.

Aber zurück zu den alternativen Fakten. Mit denen ist es ja so, man kann sich mit ihnen die Wahrheit so hübsch machen. Und dann muss man im gegebenen Fall weniger handeln. Man muss eigentlich gar nicht handeln. Man stellt sich einfach die hübsche Wahrheit vor und baut darauf auf. Den Rest machen dann die anderen.

Fakt:
Das Kind setzt sich im Restaurant auf den Tisch. 
AF:
Was Sie da als Tisch verkaufen, war in Wirklichkeit ein großer Stuhl. Wenn das zu erkennen, Sie nicht in der Lage sind, liegt das Problem bei Ihnen und nicht bei mir oder meiner Erziehung. Das war ein Stuhl. Warum der gedeckt war? Keine Ahnung. Aber das ist auch nicht relevant. Das ist mein Kind. Und wenn das auf dem Tisch sitzen will, dann darf es das.

Fakt:
Das Kind spuckt auf den Boden.
AF:
"Das Kind hat die Spucke verloren. Das kommt manchmal vor. Selten. Sehr selten. Aber das kann passieren. Manchmal kann es dabei so wirken, als wäre es aktiv beteiligt gewesen, aber das wirkt nur so. Die Wahrheit ist alternativ."

Fakt:
Das Kind haut ein anderes Kind.
AF:
"Das Kind hat sehr feste gestreichelt. Was Sie da als Hauen interpretieren, war eine lieb gemeinte Geste. Wenn man darauf aus ist, einen Skandal aus etwas zu machen, das keiner ist, dann könnte man behaupten, das Kind hätte gehauen. Hat es aber nicht. Es hat feste gestreichelt. Und überhaupt, das andere Kind, das wollte das so."

Sie sehen, worauf ich hinaus will. Alternative Fakten sind keine Fakten. Sie sind nicht mal eine Alternative. Aber das wussten Sie sicher schon. Wie sehr mich der Begriff aber gruselt, das nicht.