Donnerstag, 4. August 2011

Wie ähnlich wir uns doch sind

Lieber Paul,
dich in den Schlaf zu stillen ist ein bisschen so, wie mit mir in den Abendstunden einen Film zu schauen, den nicht ich ausgesucht habe (das weiß ich aus Erzählungen). Da scheinst du mir also sehr ähnlich zu sein. 
Das läuft nämlich ungefähr so ab:
1. Spannungsphase: Am Anfang bist du ganz aufgeregt, wann es endlich losgeht. An dieser Stelle will ich endlich anfangen, damit ich nicht schon vor dem Film einschlafe. Du unterbrichst in dieser Phase immer wieder das Stillen und erzählst munter vor dich hin. Genauso mache ich das auch. Der Film läuft zwar weiter, aber ich versuchen durch Reden mich einerseits davon abzulenken, dass ich gleich einschlafe und zweitens den Film unterhaltsamer zu gestalten. 
2. Hingabephase: Danach kommt die Phase, in der du dem Stillen deine ganze Aufmerksamkeit schenkst und ich anfange auch dem Film eine echte Chance zu geben. Du trinkst gierig, ich sauge die filmischen Bilder gierig in mich auf. Diese - mehr oder weniger kurze Phase - geht in die 
3. "Ich schlafe nicht"-Protestphase über. In dieser Phase kreisen deine Pupillen schon schläfrig umher, aber du reißt immer mal wieder die Augen auf, welche dann sagen: "Ich schlafe nicht, ich schlafe nicht!" Ich für meinen Teil (und hier fängt das an, was ich aus Erzählungen weiß) mache das haargenau so, außer dass ich diesen Satz nicht mit den Augen spreche, sondern laut und deutlich mit dem Mund. Diese Phase läuft ein paar Mal ab, bevor es dann in die letzte Phase übergeht, vor dem endgültigen Einschlafen.
4. Halbschlafphase: Hier nickst du immer mal wieder ein, wachst dann aber zuckend auf und machst weiter wie vorher. In diesem Stadium mache ich kleine Kurzschläfchen, gehe in den Halbschlaf über und mein Zusammenzucken signalisiert mir, dass alles Kämpfen umsonst ist und ich gebe mich dem Schlaf widerstandslos hin. Du hingegen hast an dieser Stelle noch eine Hürde zu nehmen.
5. Die Ablegephase: Wenn du eingeschlafen bist, lege ich dich so sanft wie möglich in dein Bett (das macht mit mir niemand, weil ich meistens schon da liege). Ist das Projekt geglückt, schläfst du weiter. Aber manchmal stolperst du hier und rutscht zurück in eine der früheren Phasen (Protest- oder Halbschlafphase). Bei mir ist das eher so, dass ich irgendwann geweckt werde und im Halbschlaf Zähne putzen gehe, um dann wieder zurückzusinken in den friedlichen Filmschlaf, den besten aller Schlafzustände. Und weil das so ist, kann ich auch nachvollziehen, warum du so begeistert bist vom Einschlafstillen und deswegen machen wir auch weiter so (hoffentlich nicht bis zum Abitur).

Wie man plötzlich zum Mutterti(g)er wird

Während man schwanger ist, malt man sich manchmal aus, wie das so sein wird, wenn man ein Kind hat und wie sich das eigene Leben so lebt mit einem Baby, das auf einen angewiesen ist. Man hat Vorstellungen und Pläne und Ideen, wie man damit umgehen will, was man auf gar keinen Fall zulassen will und wie man den Tagesablauf und das Familienleben mit dem Baby gestalten will.
Und dann ist das Baby plötzlich da.
Und es stellt sich heraus, dass das meiste Planen völlig für die Katz war.
Nicht etwa, weil man zu faul ist, die Pläne durchzusetzen oder weil man zu wenig Zeit hat, um überhaupt nachzudenken darüber, wie man den Tagesablauf gestalten will, weil der Tag abgelaufen ist, bevor man überhaupt Gelegenheit hatte, über ihn nachzudenken.
Das ist zwar manchmal tatsächlich so. Aber das ist nicht der Grund für das Verschwinden der Pläne. Der Grund dafür ist viel lieber, dass man sich aufs Mutterdasein gar nicht richtig vorbereiten kann. Im Zusammenhang mit der Geburt gibt ja viele Kurse, Hechelkurse, Entspannungskurse, Yogakurse, Wickelkurse, Pekipkurse, Nachbereitungskurse und und und. Aber sie alle können dir nicht sagen, wie du individuell darauf reagierst, wenn du zur Mama wirst, beziehungsweise, wie man im Ungarischen so schön sagt, wie du plötzlich zum Muttertiger (anya tigris) wirst. 
Denn plötzlich stehst du da und findest lauter Ausreden, warum du dein Kind nicht allein lassen kannst, um zum Sport zu gehen, dich mit Freunden zu treffen oder abends ein Date mit Papatiger zu haben. Du willst nicht wirklich nicht weggehen oder nicht das Haus verlassen. Du hast nur Angst, dein achso liebliches Etwas wird von niemandem so gut betreut wie von dir. Plötzlich ertappst du dich, wie du ein schlechtes Gewissen hast, wenn du diese Dinge tun willst. Und genau das plant man eben nicht. Das kommt oder es kommt nicht.
Heute hab ich das erste Mal die Fütterung des Babytigers der Oma zu überlassen, um mit dem Tigerembryo zum Yogakurs zu gehen. Hätte mir vor neun Monaten jemand gesagt, wie komisch sich das anfühlen kann, hätte ich wohl nur innerlich gelächelt. Heute bin ich vom Yoga zurückgekommen um zu hören, dass die zweieinhalb Stunden ohne Mama tränenlos vergangen sind, mit Schlafen, Essen und Spinat auf die Hose schmieren verbracht worden sind und war erstaunt über meine extreme Erleichterung, die Erleichterung der Tigermama, die denkt, ohne sie könnte es ja gar nicht gehen. So war das ursprünglich nicht geplant. Aber das macht nichts. Das Experiment ist ja geglückt und so fühlt es sich richtig an.

Nach solchen Nächten fragt man sich immer

was man am Vortag richtig gemacht hat oder woran es denn bitteschön lag?
Wenn dein Kind plötzlich beim ersten Mal Stillen einschläft...
Wenn es neun Stunden durchschläft ohne auf dem Bauch aufzuwachen und zu meckern "wie ist das denn passiert? So kann ja kein Mensch schlafen"...
Wenn es nach dem Stillen um 5 Uhr morgens innerhalb von 5 Minuten weiterschläft bis 7.30 Uhr
und dann mit einem Lächeln auf dem Gesicht erzählend neben dir aufwacht...
Dann fragt man sich als Mama (vorausgesetzt man hat ein Kind, dass diese Verhaltensweisen nicht sowieso jede Nacht zeigt), was war gestern nochmal? Wie kommt das, dass das plötzlich geht?
...weil er soviel gegessen hat?  oder weil er nicht so viel gegessen hat?
weil er soviel draußen war? (waren wir überhaupt draußen?)
weil ich vor dem Schlafengehen mit ihm rumgeturnt habe oder weil ich es eben nicht getan habe?
Was war an dem gestrigen Tag bitte so ermüdend? Und dann versucht man, den Tag so gut es eben geht zu wiederholen, das Erfolgsrezept glücklicher Kinderschlaf auf die nächsten Tage anzuwenden, im Sinne der ganzen Familie. Leider gehen solche Rezepte im Hause Paul mit zu neunzigprozentiger Sicherheit in die Hose. Paul mag keine Rezepte, trotzdem er sich so oft in der Küche aufhält.

Dienstag, 2. August 2011

Ein Tag im Leben von Familie Nimmersatt

Seit einer Weile hat Paul (nicht nur Paul) einen Appetit wie eine siebenköpfige Raupe. Darüber freut sich eine Mama natürlich sehr. Es gibt nichts Schöneres als dem eigenen Kind beim genüsslichen Mampfen zuzusehen. Sein Riesenappetit führt allerdings dazu, dass ich das Gefühl habe, es ist besser die Küche nicht zu verlassen, denn es könnte ja sein, dass der kleine Hunger kommt (bei ihm oder bei mir). Und es gibt Tage, da sind die Lücken zwischen den einzelnen Mahlzeiten so klein, dass es nur zu einem Pudelrundenspaziergang reicht. Denn wenn ich nicht gerade Pauls Mahlzeiten vorbereite, arbeite ich an einer Mahlzeit für mich, meinen Bauchbewohner und für die Produktion von immernoch mehr als einem halben Liter Milch täglich.

Von unglaublichem Vorteil ist dabei, dass unsere Wohnung so geschnitten ist, dass die Küche den Mittelpunkt bildet. Pauls Laufgitter steht auch hier. Inzwischen liegt auch eine dicke Decke mit Spielzeug herum, die er robbend durch die Küche von der Türschwelle im Bad abwechselnd zum Küchentisch und zum Mülleimer zieht. (Der Mülleimer ist aus diesem Grund schon mal aus der Küche entfernt worden, bis eine Lösung gefunden wird, bei der Paul nicht in der Lage ist, ihn über sich selbst auszuleeren.)
Und so verhält es sich seit einiger Zeit so, dass ich telefoniere und gefragt werde, "rührst du schon wieder Brei?" oder mich dabei ertappe, wie ich die Zutaten für den Abendbrei zusammenrühre, obwohl erst Nachmittag ist oder ich zwischen all dem Brei vorbereiten, kochen, aktiv abkühlen mit Kühlakku (dem Herrn geht es oft nicht schnell genug. Sobald er das Gerühre im Topf hört, hab ich noch so 10 Minuten, dann muss es aber auch was geben, sonst beschwert er sich beim Kellner/Küchenchef) und natürlich auch ner gehörigen Runde abwaschen gar nicht merke, wie schnell der Tag so rum ist, ohne dass ich was wirkliches gemacht aber, außer existentielle Grundbedürfnisse zu befriedigen. Denn neben den Mahlzeiten für Paul gilt es ja auch für Mama samt Bauchbewohner vollwertige und gesunde Mahlzeiten zuzubereiten.

Um zu verdeutlichen, wie so ein Tag mit Familie Nimmersatt aussieht: hier mal der gestrige Tag als Beispiel:
1.8.2010
5 Uhr Stillen - erste Mahlzeit für Paul
7 Uhr - erste Mahlzeit für Mama Frühstück (zwei Brötchen, Kaffee, Obst),  für Paul ein halbes Hörnchen
zwischen 7.30 und 8.30 Uhr Stillen - 2.(o. 3.) Mahlzeit für Paul
zwischen 9.30 und 10 Uhr - 2. Frühstück für Mama (2 Stullen mit Käse und Wurst (gestern bayerische Leberwurst), große Tasse Kakao, ein Apfel)
zw. 10 und 10.30 Uhr - Stillen für Vormittagsschläfchen von Paul
11-11.30 Uhr Vorbereiten und Essen von Pauls Mittagsbrei (mind. 250 g Gemüse, Fleisch, Kartoffeln, zum Nachtisch Obst, gestern: Möhren, Kohlrabi, Kartoffeln und Putenfleisch)
11.30-13.00 Uhr Vorbereiten und Essen von Mamas Mittagessen (gestern Spinat, Kartoffeln und Spiegeleier), während meiner Mahlzeiten befindet sich Paul natürlich auch weiterhin in der Küche :-)
13 Uhr Stillen für Mittagsschlaf von Paul (meistens schlaf ich ne Runde mit)
14 Uhr Kaffee und was Süßes für Mama (gestern ein Nutellabrötchen)
15 Uhr Paul wacht auf und will ESSSSEN! - hier gibts einen Brei aus Haferflocken, Dinkelflocken oder Zwieback mit ner ordentlichen Portion Obst (ca. 300 g schafft er locker)
ACHTUNG: hier ist die erste Lücke für einen ordentlichen Spaziergang, der dann auch stattfindet.
17.30-18 Uhr Vorbereiten und Essen von Pauls Abendbrei (Milch plus Getreide plus ein Klecks Obst, mind. 250 g)
18-18.30 Uhr Essen für Mama (meistens Stulle mit Brot, gestern 4, dazu Saft)
19.30-20.00 Einschlafstillen
20.30 Uhr Snack für Mama und Bauchbewohner (gestern Yoghurt mit Himbeeren)


Damit ist der Mahlzeitenmarathon geschafft und alle sind müde. Außer Paul. So gegen Mitternacht nimmt er gerne noch mal einen großen Schluck. Und ich, ich geh jetzt erstmal was essen. Wer mich sucht, findet mich in der Küche.

Nachtrag:
Im Übrigen bin ich schon gespannt, wie der Mahlzeitenplan aussieht, wenn unser Bauchbewohner sich noch zu uns gesellt.