Mittwoch, 30. Mai 2012

Moritz muckst

An dieser Stelle würde ich gerne der ganzen Welt mit vor Stolz geschwellter Brust verkünden: Mein Moritz schläft durch: Von 6 bis 6 oder von 8 bis 8 oder von 7 bis 7, ohne einen Mucks. Ich würde mich auch mit schlechteren Zahlen zufrieden geben, wenn sie in irgendeiner Weise mit durch und schlafen zu tun hätten. Aber was ich anbieten kann für die Nächte der letzten 2 Wochen ist in etwa: 19-23/ 23-2/ 2-5/ 5-7. Dazwischen ist Moritz wach und erzählt halbe Romane. Er weint nicht, schreit nicht - er erzählt, strampelt, kuckt an die Decke und hält mich wach. Ich schreibe das jetzt auf, damit ich es auch nicht vergesse und meinen Kindern später mal erzähle, wie meine Kinder von Geburt an durchgeschlafen haben ohne nachts auch nur einmal zu mucksen. Also nochmal zum besseren Einprägen: Moritz muckst und zwar laut und deutlich, drei- bis viermal die Nacht zur Zeit.
Moritz ist von 19 bis 7 Uhr in seinem Bett und fühlt sich dort auch pudelwohl, obwohl es wirklich an der Zeit ist endlich ein größeres zu kaufen, das Aufwachen beginnt nämlich immer mit einem Klappern, weil er gegen die Stäbe tritt. Er schläft aber nicht nur gern in seinem Bett, er liegt scheinbar auch gerne wach darin rum und muckst so vor sich hin. Vielleicht ist das auch nur seine Art ein bisschen weiterzudösen ohne richtig tief zu schlafen. Allerdings ruiniert er mir so meinen Schlaf zur Zeit auf zwar unheimlich sympathische Weise (denn was er da so zusammenerzählt ist wirklich zum Schießen), aber runiert bleibt ruiniert. Manchmal hab ich den Eindruck, ich störe ihn. Denn am besten schläft er, bevor ich das Schlafzimmer betrete und nachdem ich es wieder verlassen habe. Das verkürzt meine Schlafzeit aber mehr und mehr, weil ich sozusagen flüchte. Nichts ist schlimmer als sich wach im Bett rumzuwälzen, und zu denken "bloß keinen Mucks machen, dann schläft er gleich wieder ein!", während das eigene Kind fröhlich vor sich hin muckst. Am liebsten würde ich ihn rausschmeißen. Wird ja schließlich auch Zeit. Aber ich hab Angst, dass dann ab sofort zusätzlich zu meinem auch noch Pauls Schlaf ruiniert ist, denn ich kann ihn ja nur zu Paul ins Zimmer schmeißen. Von schmeißen kann überhaupt auch keine Rede sein, wenn dann wird er liebevoll rübergetragen. Was Paul wohl dazu mucksen würde?

Mittwoch, 23. Mai 2012

Halbe und ganze Portionen

Der lang ersehnte/gefürchtete Moment ist da. Ab sofort hab ich hier zwei halbe Portionen für die ich ganze Portionen kochen muss. In den letzten sechs Tagen habe ich mit Moritz Brei essen geübt und auch er darf sein Leben nicht mit Haushaltskeksen starten, ganz entgegen der Empfehlung meiner Kinderärztin. Moritz trainiert essen mit Kürbis und wie es aussieht, braucht er schon kein Training mehr. Bereits nach zwei Tagen hat er das Breiessen professionalisiert, befördert die Masse zielstrebig in den hinteren Rachenraum, schubst nur ab und zu was aus Versehen raus und macht dabei schmatzende Geräusche, denn er scheint zu genießen, dass Paul ihm endlich auch mal beim Futtern zusehen darf. 
Da ich Paul auch noch den Löffel halte, bin ich ab sofort in der Zeit von 10.30 Uhr bis 12 Uhr schwer zu erreichen. Denn in dieser Zeit wetze ich Messer, schnippel Gemüse, rühre in Kochtöpfen, schiebe Löffel in Münder, spiele den Bäuerchenassistenten und wische Essensreste von diversen Oberflächen. Da Moritz noch eine ganze Weile Spezialessen bekommt, muss ich nun wohl zweimal kochen. Ich bin dann mal weg, ich muss kucken, was ich heute zusammenrühre.

Dienstag, 22. Mai 2012

Spazierenstehen mit Paul und Moritz

Spazieren gehen mit zwei Kindern in einem Geschwisterwagen ist anstrengend. Hab ich geschrieben vor einer Weile. Fitnesstraining hab ich das genannt. Ich hatte ja keine Ahnung. Den Kinderwagen, mögen es auch mittlerweile 42 kg sein, durch die Gegend schieben ist ein Kinderspiel gegen das, was wir hier neuerdings machen.
Paul kann inzwischen laufen und sobald Kinder laufen können, wollen sie das auch permanent. Paul ist da zwar im Grunde sehr unkompliziert. Wenn ich ihn schieben will, darf ich ihn schieben, wenn er laufen soll, dann läuft er auch. Ob sein Körper rumliegen oder in Bewegung bleiben soll, das darf meistens ich entscheiden. Und ich entscheide, er soll laufen. Da fängt das Drama an. Wir wohnen hier in einem Viertel, wo es zwar Bürgersteige gibt, es aber keinen Sinn macht, darauf zu laufen, weil die immer an irgendeiner Stelle plötzlich enden oder so uneben werden, dass ich mit dem Wagen da nicht lang komme. Außerdem sind die definitiv zu klein um nebeneinander zu gehen. Paul vor dem Wagen - doofe Idee. Paul hinter dem Wagen - nicht schlecht. Bei Paul wird aber "hinter dem Wagen" zur Zeit innerhalb von Sekunden "vor dem Wagen". Also doch keine richtige Lösung.
Auf der Straße könnte man laufen, mache ich dann auch mit dem Wagen, weil es ein sehr ruhiges Viertel ist und nur ab und zu Autos kommen. So ein Kleinkind sollte aber in der Großstadt vielleicht so schnell wie möglich lernen nicht auf der Straße zu laufen. Nun, einmal losgelassen läuft das so ab: Paul läuft drei Meter nach vorn, ich versuche neben ihm zu bleiben, mit Moritz im Wagen. (Moritz schläft nur, wenn ich immer gleichmäßig in eine Richtung schiebe, zu deutsch: er schläft nicht, wenn Paul spaziert) Dann dreht Paul um, läuft drei Meter in die andere Richtung. Ich verfolge ihn. Ich bitte ihn wieder in die andere Richtung zu laufen, denn so laufen wir ja nur im Kreis. Er hockt sich auf den Boden und findet einen Stein. Der wäre ihm so gar nicht aufgefallen, wenn ich nichts gesagt hätte. Was ein Glück. Dann läuft Paul zum nächstbesten Gartentor. Probiert die Klinke. Ich hinterher. Vorbei an Straßenrandgrün mit dem unheimlich wändigen Geschwisterwagen. Gerade angekommen, Wagen positioniert, Paul dreht um, zurück zur Straße. Rufen bringt zur Zeit nix. Meine Rufe hört er einfach nicht. Die Rufe der Wildnis sind viel lauter.
Gestern schien es so, als ob wir fast von einer Straßenecke bis zur nächsten kommen würden, eine halbe Stunde haben wir mit unserer Zickzacktechnik dafür gebraucht. Kurz vor der Ecke sind wir gescheitert. Paul hat einen Hund entdeckt. So einen von der Sorte, ich quetsche mich durch den Gartenzaun für ein paar Streicheleinheiten. Paul hat sofort den richtigen Draht zu dem Vierbeiner gefunden. Die nächste Viertelstunde verbrachte er damit auf den Hund zu zeigen, "guj-ja" zu sagen und Streicheleinheiten zu verteilen. Als die beiden anfingen Intimitäten auszutauschen - Paul wollte Küsse auf Fell und Schnauze verteilen - beendete ich das Spektakel und auch den Spaziergang.

Achtung! Fliegende Hörnchen

Bei uns im Hause muss man sich neuerdings ducken. Denn Kind P hat Wut. Ich hab es erst nicht glauben wollen, aber nun flogen am Wochenende die Brote durch die Gegend. Da war mir alles klar: Kind P trotzt wahrscheinlich. Und das am liebsten beim Essen. Außerdem ist er noch wütend auf Türen, die nicht richtig auf oder zu gemacht werden können, auf Deckel, die schwierig auf Flaschen zu schrauben sind, auf Bananen, die keine Kekse sind und auf alles andere, was nicht so ist, wie er es sich vorgestellt hat. Der arme kleine Kerl. Er wird wohl noch öfter in diese Situation kommen. 
Auch wenn ich vor kurzem geschrieben habe, dass Kind P spricht und ich verstehe, so ist das doch noch eher die Ausnahmesituation. Meistens wird viel gesprochen und weniger verstanden. Und da kommt es eben auf Kind Ps Seite zur Trotzreaktion.
Trotz ist definiert als "hartnäckiger (eigensinniger) Widerstand gegen eine Autorität aus dem Gefühl heraus im Recht zu sein" (Quelle: Duden). Kind P fühlt sich der Definition nach derzeit häufiger im Recht. Sein hartnäckiger (eigensinniger) Widerstand äußert sich in Wutaus- und Nervenzusammenbrüchen. Oder eben in fliegenden Hörnchen.
Am Wochenende war die Situation beim Frühstück eindeutig für Kind P und deshalb flogen die Brote, bzw. Hörnchen durch die Gegend. Kind P hatte sich in seinem Schädel ein schönes Salamibrötchen zum Frühstück vorgestellt. Er sah dafür alle Zutaten auf dem Tisch liegen und war voller Zuversicht. Dann schmierte die Mama ein Hörnchen. 'Oh', dachte Kind P, 'das ist auch nett'. Er aß ein paar Häppchen vom Honighörnchen, aber dachte nebenbei: 'Naja, ganz nett. Aber wann kommt jetzt die Salami?' Ich dachte nur: 'Hmm, lecker Honighörnchen. Schmeckt dem Kind bestimmt gut.' Klarer Fall von Missverständnis.
Nach drei, vier Happen fühlte sich der Junge wohl veräppelt, er sah seine Chancen auf Salamibrötchen schwinden und schob das Hörnchen weg, um mir klar zu kommunizieren, dass er nicht mehr möchte. Ich dachte nur: 'Drei Happen Hörnchen? Er kann ja nicht schon satt sein. Was ist denn jetzt los?', und bot ihm das Hörnchen immer wieder an, indem ich es ihm zurückschob. Und so schoben wir das Hörnchen eine Weile auf seinem Tisch hin und her, bis er das Gefühl hatte, er muss deutlicher werden. Da flog das Hörnchen. Danach spielten wir dasselbe Spiel mit einem Nutellahörnchen, nur dass er davon nur einmal abbiss, bevor es flog. (Er mag kein Nutella!?!?) Nach dem zweiten Hörnchen hatte ich eigentlich keine Lust mehr auf Flugtraining und wollte die Mahlzeit beenden.
Kind P war jetzt schon kurz vor dem Zusammenbruch, weil er nicht verstand, warum ich nicht verstand. Die Lösung lag doch auf der Hand, bzw. auf dem Tisch. Er warf sich gegen den Stuhl, quetschte Tränen raus und verzog die Mundwinkel, alles in der Hoffnung je Drama desto Verständnis. Dann kam sie mir doch noch, die Erleuchtung. SALAMI. Der Junge will herzhaft frühstücken. Und ich komm mit Süßkram. Das Abendessen geht nicht ohne Wurst, warum sollte das Frühstück ohne gehen? Und tatsächlich: das Salamibrötchen flog keinen Centimeter. Warum bin ich da nicht gleich drauf gekommen? Es hätte mir zwei fliegende Hörnchen und eine Menge hartnäckigen (eigensinnigen) Widerstand erspart.

Montag, 14. Mai 2012

Eine Decke und eine kluge Oma

Paul hat seit kurzem eine Decke. Die ganz akute Phase in Sachen plötzlichen Kindstod hat er vielleicht jetzt gerade so überstanden, da dachte ich mir, schenk ich ihm von seinem ersten Kindergeld einfach ne richtige Bettdecke und n richtiges Kopfkissen. Die Omas haben ja auch schon aus allen Richtungen gefeuert, dass er doch endlich eine richtige Decke bräuchte und warum er noch keine hat und das Bett sähe doch so leer aus und da könne man doch auch gar nicht richtig schlafen. Außerdem hat Paul die Schlafsäcke schneller ausgewachsen als die Windelgrößen und auf die nächste Größe hatte ich keinen Bock mehr. Darin hätte selbst ich dann schon Platz gehabt. Und Grund Nummer drei ist die Tatsache, dass Moritz genauso schnell wächst wie Paul und bald Anspruch anmeldet auf die aktuelle Schlafsackgröße von Paul. 
Ist doch auch irgendwie albern, das mit den Schlafsäcken. Aber man kann die eben so schlecht wegstrampeln und das ist ein Totschlagargument gegenüber den wärmsten und kuscheligsten Federbetten. Wenn die einmal weggestrampelt sind, dann liegt der Strampler im Freien. Aus dem Schlafsack rauskommen, das schaffen nur Profis.
Paul hat sich schon nach drei Tagen in seine Decke verliebt. Letzte Woche war es an einem Tag mal wieder so heiß, dass es abends im Schlafzimmer 26 Grad waren und die Aussicht auf ein Absinken der Temperatur in der Nacht gering. Da dachte ich, lege ich ihm mal lieber nur einen Bettbezug hin. Die Decke ist doch viel zu warm. Paul hat - und das macht er schon seit einer halben Ewigkeit nicht mehr - mich zurück ins Zimmer geweint und nach einigem Rätselraten, was wohl sein Problem sei, hab ich ihm seine Decke, die über dem Sessel lag, ins Bett gereicht. Paul kuschelte sich hinein und war zufrieden. Die Oma meinte dazu nur: "Na ist doch klar, dass er da weint! Da bekommt er endlich nach so langer Zeit eine Decke und dann nimmst du ihm die nach drei Tagen wieder weg." Manchmal sind die Omas eben klüger als die Polizei erlaubt.

Ohne Wurst geht hier gar nichts, zumindest kein Abendbrot

Bei Kleinkindern gibt es eine Zeit lang, so ist meine mittlerweile professionelle Einschätzung, drei verschiedene Esstypen. Die einen sammeln den Belag vom Brot und essen nur das Brot. Die anderen stopfen sich den Belag rein und verzichten auf den Ballast Brot. Und den dritten Typ kenne ich persönlich nicht, aber den gibt es ganz sicher auch. Die bekommen gar keine Brote. Ist ja auch nicht jedermanns Sache, so ne deutsche Stulle.
Paul isst seit kurzem selbstständig sein Brot. Seine Brote. Und zwar drei an der Zahl, jeden Abend. Paul ist eigentlich Esstyp zwei, aber Mama macht ihn meistens dann doch zu Typ vier, dem Allesesser: Er kann mit dem Belag und dem Brot machen was er will, aber satt wird er nur, wenn auch das Brot den Mageneingang passiert.
Meist liegen da also auf dem Teller drei Stullen mit verschiedenen Belägen. Es sei denn Oma und Opa haben das Abendessen vorbereitet, dann gibt es nur Wurst. Denn das Kind mag Wurst. Und das mögen die Großeltern. Denn sie mögen auch Wurst. Wenn schon diese komischen Brote, dann wenigstens was Ordentliches drauf. Und so gibts dann Paul's Favorite zur Zeit: Drei Salamibrote, die sich allein in der Größe unterscheiden. Paul findet das super. Bei mir gibts drei verschiedene Stullen, alles andere finde ich langweilig auf dem Teller. Aber neuerdings muss eine mit Schinken oder Salami dabei sein, sonst kuckt Paul gleich zu Beginn der Mahlzeit frustriert auf den Teller und steht im schlimmsten Fall gleich wieder vom Tisch auf. Von wem er das wohl hat?
Wenn dann die drei Stullen da so liegen, greift Paul zielsicher zur Salami- oder Schinkenstulle. In die andere Hand nimmt er die Käsestulle und reicht sie mir rüber. Ich soll schließlich auch was essen. Das Salamibrot wird mir allerdings nicht angeboten. So weit geht die Liebe nicht. Seit neuestem ist der nächste Schritt beim Essen, dass Paul die Salami vom Brot pult, sich in den Mund stopft und mir die darunter befindliche Stulle schenkt. In der Not schmeckt die Wurst schließlich auch ohne Brot. Meistens stellt er aber schnell fest, dass das zwar gut schmeckt, aber nicht so richtig den Magen füllt und schiebt das Brot dann doch noch hinterher. Wenn nicht, übernehme ich den Schiebevorgang. Wenn er damit fertig ist, verlangt er die Käsestulle von mir zurück und verfährt so wie mit dem ersten Brot. 
Von seiner ersten Stulle wählt Paul bei jeder Mahlzeit ein Salami- oder Schinkenstück zu seinem Begleiter. Dieses Wurststück begleitet ihn dann die ganze Mahlzeit über. Egal was gegessen wird, das Wurststück muss in der Hand, auf dem Teller, auf jeden Fall in Sichtweite sein, wenn er die Käse- und andere Schweinereistullen essen muss. Sein Sicherheitswurststück hilft ihm psychologisch darüber hinweg, dass es bei Mama nicht nur Salamibrote gibt. Einmal hat er mir sein Begleiterwurststück angeboten und ich habe den Fehler gemacht es zu essen. Die Trauer über den Verlust seines treuen fleischigen Begleiters war so groß, dass wir die Mahlzeit beenden mussten. Ihm war der Appetit vergangen. Auch ein neues Wurststück half da nicht mehr. Das Begleiterstück war schließlich schon so schön angewärmt und breitgedrückt. Damit konnte kein neues kühlschrankkühles Wurststück mithalten. 

Samstag, 12. Mai 2012

Mein Sohn spricht. Ich verstehe.

Von erfahrenen Kinderbesitzern hab ich mir sagen lassen, dass man sich in der ersten Zeit nichts sehnlicher wünscht, als dass das eigene Kind anfangen möge zu sprechen und wenn sie dann angefangen haben, dann wünscht man sich nichts intensiver, als dass sie abends damit aufhören. Mit Paul befinden wir uns immernoch im ersten Stadium. Es gab verschiedene kleine Momente, in denen man sich eines Wortes sicher war, aber die meisten davon waren doch eher Silben als Worte. So zum Beispiel bin ich mir sicher, dass er schon Mama und/oder "Anya" gesagt hat. Manchmal sagt er "baba"- was wohl Papa sein soll und er sagt seit neuestem sehr viel "Ja" (obwohl er viel mehr "nein" hört, das finde ich interessant). Aber die meiste Zeit verbringen wir doch damit unserem Paul zu lauschen, wie er unverständlich, aber natürlich auf höchstem Niveau der Niedlichkeit, vor sich hinplappert. In letzter Zeit hat das Plappern neue Formen angenommen. Er variiert die Silben viel stärker und versucht ganz oft uns was mitzuteilen. Das macht er sicher schon länger, aber neuerdings ist er richtig enttäuscht, wenn ihn keiner versteht.
"Der arme Junge", sagt die Oma, "muss ja auch ein totales Chaos im Kopf haben, mal deutsch, mal ungarisch." Die eine Oma spricht ungarisch, die andere deutsch. Der eine Opa spricht ungarisch, der andere deutsch. Die Leute auf der Straße sprechen mal ungarisch, mal deutsch, je nachdem wo wir uns gerade befinden. Aber am schlimmsten sind Mama und Papa. Die reden mal deutsch und mal ungarisch und wenn sie die Worte in der passenden Sprache nicht finden, dann reden sie ungareutsch oder dungarisch, wie auch immer das Kauderwelsch heißt. Da kommen dann so Sachen raus wie "Kérek egy Stück Schokolade-t" ('ich möchte ein...'). Wir versuchen natürlich ein gutes Vorbild zu sein, aber die jeweils andere Sprache ist ja auch für uns eine Fremdsprache. Und die lernen wir schließlich auch noch. Auf höherem Niveau als das Stück Schokolade, aber solche Formulierungen machen doch auch einen Heidenspaß.
Was Paul angeht hat er in seinem bisherigen Leben mehr Ungarisch gehört als Deutsch. Was dazu führte, dass er auch schon mal "an-ya" gerufen hat. Das kam allerdings nur einmal vor und im Nachinein hab ich manchmal gedacht, vielleicht hab ich mir das auch nur eingebildet. Wir haben uns auch schon öfter mal eingebildet, dass er Auto gesagt hat. Hat er vielleicht auch. Gestern allerdings haben Paul und ich uns das erste Mal unterhalten. Mit einem Wort und damit das Gespräch nicht so langweilig wird, in zwei Sprachen. Wir aßen Abendbrot und Paul zeigte immer aufs Fenster und sagte gu-jja. Und ich reagierte, wie man halt reagiert, wenn man sein Kind nicht versteht und sprach irgendwas zum schönen Wetter draußen und zum Wind in den Bäumen vor dem Fenster. Und Paul wieder "gu-jja". Und wieder und wieder. Und beim dritten oder vierten Mal hat die auf dem Schlauch stehende Mutter endlich kapiert, warum sie ihr Kind nicht versteht. Der redet UNGARISCH! Und sagt "kutya", was Hund bedeutet. Draußen bellte ein Hund und mein Kind wollte mir das erzählen. Und ich fasel von Wind und Bäumen. Als ich dann verstanden habe, was er meinte, hab ich mir ein Loch in den Bauch gefreut und gerufen: JA, Paul! HUND. Ein Hund! Und Paul: gu-jja. Und ich "JA, Hund!" und so ging das eine Weile hin und her (denn wenn hier einmal ein Hund bellt, dann hat man eine Weile was davon. Kein Wunder also, dass der Junge dieses Wort spricht).  So haben Paul und ich gestern unsere erste Einwortunterhaltung geführt. Auf ungareutsch.

Freitag, 11. Mai 2012

Das ist doch nicht zum Spielen!

Heute mal was zum Thema Spielzeug. Wir stehen hier kurz vor dem Umzug nach Deutsch-e-Land. Immer wenn ein Umzug bevorsteht, macht man sich Gedanken über Nützliches und Unnützes im Hause, damit man nicht so viel rumschleppen muss. Nützliches, wie Möbel und Unnützes wie Spielzeug. Ich stelle hier jetzt mal eine ganz vage These auf. Die steht noch auf wackeligen Beinen, weil Paul und Moritz noch sehr klein sind und was weiß ich schon davon. Aber bevor hier Plagiatsvorwürfe reinflattern, die These ist auch nicht unbedingt von mir. Ich stell sie jetzt trotzdem auf. Ganz frech. Hier kommt sie: Kinder brauchen kein Spielzeug oder nur gaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaanz wenig.
Wenn man ein Baby bekommt, wird man mit Spielzeug zugeworfen. Die wenigsten trauen sich, dem Baby Kleidung zur Geburt zu schenken, man weiß ja nicht...passt das oder ist das zu blau, zu pink, zu bunt, zu gestreift oder sind zu viele Teddys drauf. Aber eine Rassel oder ein Schnuffeltuch, na das geht immer als Mitbringsel. 'Das ham die bestimmt noch nicht.' Und so liegen hier so viele Rasseln, Greifringe, Beißringe und Stapelringe rum, dass Moritz manchmal gar nicht weiß welchen er zuerst packen soll. 
Wenn das Baby dann älter wird, lässt der Geschenkeansturm nach, aber der Spieldrang wird größer und komplizierter. Und dann kommen sie ganz automatisch ins Haus...die Laufwagen, die Bobbycars, die Stapelbecher, die Bausteine, die Motorikschleifen, die Nachziehtiere, die Stapelringe, die Sortierspiele...alle natürlich pädagogisch wertvoll, auf keinen Fall aus China, unbedingt entwicklungsfördernd und, und das ist wohl ihr wesentlichstes Merkmal später unheimlich gut bei Ebay zu verkaufen, denn auch nach einem Jahr Nutzung so gut wie ungenutzt.
Paul spielt nicht mit Spielzeug. Paul spielt mit Türen, mit Schubladen, mit Türklinken, mit Wasserflaschen, mit Betten, Möbeln, Sesseln, Sofas, Wippen, Autoschalen, Schlüsseln, Handys, Küchengeschirr, Schränken, Wäschekörben, Wäsche, Staubsaugern, usw. Die Liste ist lang und auf ihr stehen Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs. Das Spielzeug liegt meistens nur im Weg rum. Ich übertreibe natürlich. Gespielt wird hier auch mit Spielzeug. Aber es wird mit Sicherheit nie so damit gespielt wie es von den Entwicklern klug ausgedacht wurde und eigentlich auch nur in Kombination mit irgendeinem Gegenstand aus obiger Liste. Neulich zum Beispiel, das Nachziehtier. Gedacht zum Nachziehen beim Laufen. Paul hat sein Nachziehtier, im Übrigen eine Giraffe von seiner Oma, auf's Fensterbrett gestellt und dann nachgezogen, um zu sehen ob sie fliegt. Sie fliegt. Aber je öfter sie fliegt, desto weniger kann man sie nachziehen. Eine Zeitlang hat er auch Wurfübungen mit der Motorikschleife gemacht, die schätzungsweise ein Kilo wiegt. Das Geräusch der klappernden Kugeln auf dem Parkett war so toll. Das Geräusch beim Zusammenstoß von Motorikschleife und Moritz' Kopf, das hab ich damals gerade noch so verhindern können.

Montag, 7. Mai 2012

Faszination Tür

Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann genau Paul angefangen hat mit Türen zu spielen, aber es kommt mir wie eine Ewigkeit vor. Seit Paul die Türen für sich entdeckt hat, ist Spielzeug, vor allem pädagogisch wertvolles, für ihn unsichtbar. Er stolpert höchstens mal drüber, wenn er sich auf dem Weg zu Tür und Tor befindet. Ich hab mich immer gefragt, woher diese Faszination kommt. Die Erklärung, 'das machen alle Kinder', is mir zu einfach. Ein bisschen schiebe ich die Schuld dem Grundriss unserer Wohnung zu. Der zentrale Raum ist bei uns die Küche und die hat sage und schreibe vier Türen plus einen Treppenaufgang. In welche Richtung man auch schaut, man hat dieses praktische Spielzeug immer vor Augen.
Am Anfang haben wir uns hier darüber aufgeregt,bzw. ich. Er kann sich ja die Finger einklemmen, das müssen wir verbieten. Dann haben wir die Strategie gewechselt und ihn beim Spielen darauf hingewiesen, dass er auf die Finger aufpassen soll. Gleichzeitig haben wir Türstopper an den Türen befestigt, um die Schäden klein zu halten und die Action aus dem Spiel zu nehmen. Heute bin ich mir sicher, dass wir die Faszination Tür damit noch gefördert haben. Denn ab sofort hat Paul immer versucht, so schnell wie möglich zu einer türstopperlosen Tür zu kommen, um sie dann mit großem Genuss zuzuschmeißen. Wenn man mit ihm in den Garten geht, schlägt Paul zwei Richtungen ein: Entweder geht er schnurstracks zum Gartentor und probiert die Klinke oder er geht gleich zu Oma und Opa um die Hausecke: Denn dort gibt es sieben Türen auf der Ebene und alle ohne Türstopper, das reine Paradies!
Aufgeregt sind wir deswegen inzwischen nicht mehr. Paul hat sich während der ganzen Zeit nicht einen Finger geklemmt. Allerdings haben wir das Türenspiel hier in der Wohnung bei manchen Türen eingeschränkt, indem wir die Türklinken hochgestellt haben. Auswarten war echt nicht drin. Vielleicht deshalb geht Pauls Obsession langsam von Türen auf Schlüssel über. Irgendwie müssen die Dinger doch wieder aufgehen. Zur Zeit geht hier ohne Schlüsselbund gar nix. Wenn Paul nicht gerade einen Schlüssel ins Schlüsselloch steckt, dann geht er damit spazieren, zählt alle seine Schlüssel oder versteckt sie an einem sicheren Ort (das ruft hier besondere Entzückung hervor). Manchmal ist er verzweifelt, weil kein Schlüssel erreichbar ist oder die Tür öffnet. Am Wochenende hat er wohl deshalb versucht, das Schlüsselloch mit Ananas- und Wurststückchen zu befüllen. Auf dem Spielplatz war Paul nur bereit zu schaukeln, wenn er das Schlüsselbund in der rechten Hand halten durfte und als wir später versucht haben, ihn vom Spielplatztor wegzubewegen, indem wir langsam losgegangen sind und Tschüß gesagt haben, hat Paul zum Abschied gelächelt und gewunken und in seinen Augen war zu lesen: 'Geht ruhig schon nach Hause, ich hab alles, was ich brauche.'

Mittwoch, 2. Mai 2012

Ich mach mir doch nicht die Hände schmutzig!

Was das selbstständige Essen angeht ist Paul ein Verweigerer. Er ist jetzt bald 18 Monate alt und lässt sich füttern, der feine Herr. Nun ja, er durfte Brei nie mit der Hand essen und hat auch sonst nur die Dinge in die Hand bekommen, die man aufsammeln kann, wenn sie runterfallen, anstatt sie aufwischen zu müssen. Aber es mangelt trotz allem nicht an Angebot zum selbstständigen Vollstopfen.
Zur Zeit findet Essen bei Paul sowieso absolut nebenbei statt. Er sitzt auf dem Hochstuhl, beschäftigt sich mit allem möglichen und lässt sich nebenbei den Löffel, das Brot oder die Obststücke in den Mund schieben. Er checkt immer kurz, was man ihm da anbietet; alles lässt er sich nicht andrehen.
Paul hat so viel Besteck wie Trinkflaschen und er benutzt dieses auch fleißig. Nur eben nicht zum Essen. Wenn er einen guten Tag hat, dann nimmt er seinen Löffel und füttert mich damit oder schiebt mir seine Obststücke und Kekse in den Mund. Das Prinzip hat er also verstanden. Er hat nur keine Lust, das bei sich selbst auszuprobieren. Warum selber essen und eine Schweinerei produzieren, wenn man auch nebenbei spielen kann und das Essen ohne eigenes Zutun zielsicher in den Mund kommt. Die Kritiker werden sagen, er muss eben mit dem Essen spielen dürfen, das Essen muss interessant sein usw. Das Problem ist aber, dass er nicht mit dem Essen spielt, denn Essen macht die Hände schmutzig. Und alles was die Hände schmutzig macht, lässt er andere machen. Vor kurzem haben wir ihm eine Sandkastenausrüstung besorgt: Paul hat einmal in den Sand gefasst und danach gaaaaaanz lange kritisch die Hände angestarrt, um sie dann aneinander abzuwischen. Anschließend wollte er diesen schmutzigen Ort sofort verlassen und ist zum Spielplatztor marschiert. So ist das auch beim Essen die meiste Zeit. Er fässt in was Schmieriges, kuckt seine Hände an und kommunziert: Mach du mal.
Aber jetzt ist Schluss damit lieber Paul. Als du deine Geburtstagstorte nur angestarrt hast und lieber gekreischt hast, um gefüttert zu werden, statt einfach einzutauchen, hatte ich Verständnis. Als du monatelang mit Löffeln Wurfübungen gemacht hast, statt sie in den Brei einzutauchen, hatte ich ebenso Verständnis. Als du regelmäßig Kekse aneinander geschlagen hast, um zu sehen, in wie viele Einzelteile sich so ein Keks zerlegen lässt, anstatt ihn zu essen, hatte ich wieder Verständnis.
Jetzt wird es allerdings langsam mal Zeit selber zu essen. Ich erwarte ja nicht, dass du mit Messer und Gabel manierlich das Gemüse schneidest und zwischendurch mit abgespreiztem Finger den Trinkbecher zum Mund führst. Aber du wirst doch wohl nicht behaupten, dass du lieber mit leerem Magen vom Tisch aufstehst als dir die Hände schmutzig zu machen. Wenn die Löffel hier bald aus zwei Richtungen fliegen, statt zum Mund zu wandern, muss ich mich ganz schön ducken. Lieber Paul, bewahre mich davor!

Dienstag, 1. Mai 2012

Heimlich...

still und leise hat Moritz an diesem schönen Tage seine ersten zwei Zähne kucken lassen. An denen arbeitet er sicher schon eine Weile, aber heute haben wir sie zufällig entdeckt. Er hat sich offenbar vorgenommen seinen fünften Lebensmonat nicht zahnlos zu starten. Vielleicht ist das ein Zeichen, dass ich bald härtere Sachen rausholen muss als Milch. Na mal schauen. Im Moment sieht es nicht so aus, als ob er von Milch allein nicht satt genug werde. Im Gegenteil. Nicht ganz so heimlich wie er seine Zähne rausgeschoben hat, nähert er sich langsam Pauls Gewichtsklasse. Wenn es so weiter geht wie bisher, hat er ihn Ende August eingeholt. Mit oder ohne Zähne.