Freitag, 31. Oktober 2014

Was ich alles bin

Neulich schrieb ich, was ich alles sollte und was ich alles möchte. Was ich alles bin?

Ich bin manchmal so neugierig, dass ich Leute solange belästige, bis sie doch mit der Information rausrücken, die sie mir eigentlich nicht geben wollten. 

Ich bin eine Frühaufsteherin. Seit Kind A da ist, wird an diesem Aspekt meines Seins allerdings sehr gerüttelt. Kein Mensch steht gerne immerzu früh auf, wenn er immerzu nachts wach ist. Drei Kinder. Da ist immer irgendwer zum Wachsein.

Ich bin in der Lage, ganze Tage im Bett zu verbringen. Vor allem, wenn ich eine neue Serie entdeckt habe. Vor kurzem war das "The Good Wife". Danke dasnuf. Nach vier Folgen war der halbe Tag um und ich musste mit viereckigen Augen die Kinder abholen. So eine Mutter bin ich. 

Ich bin oft im Zweifel. Ob das, was ich tue, richtig ist. Und ob ich nicht viel mehr leisten müsste. Die meiste Zeit komme ich mir sehr faul vor. Aber selbst darin bin ich mir nicht sicher.

Ich bin mit drei Kindern zur Zeit emotional so dermaßen ausgelastet, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass das, was ich hier tue, noch unter das Konzept "Gute Mutter" fällt. Denn

ich bin oft ungeduldig, vor allem abends, habe das Gefühl, nicht allen gerecht zu werden und ich kann einfach nicht genug Kinderlieder auswendig. Das ist ein Fakt. Kein Scherz.

Ich bin heute schöner als mit 17. Das fühle ich nicht nur so. Das ist ganz objektiv so. Ich habe mit meinem Körper auf so viele verschiedene Arten herumexperimentiert, als ich jung war, dass ich viel von dem, was schön gewesen wäre, kaputt gemacht habe. Heute habe ich die ersten grauen Haare, immer die gleiche, öde Frisur und ich habe eine kleine Faltensammlung angelegt. Aber das bin ich. Und das find ich schön. Meistens. Und ich habe inzwischen festgestellt, dass dies der Hauptanzeiger sein sollte.

Ich bin sonnenhungrig. Ich bin überzeugt davon, dass mein Körper mehr Sonne braucht, als er in diesen Breitengraden bekommt. Ich brate nicht in der Sonne. Aber meine Seele leidet unter der Farbe Grau. Ein Grund, warum ich mich nach Budapest sehne. Immer wieder. Vor allem aber von April bis Oktober.

Ich bin heute zehn Kilo schwerer als auf diesem Bild. Und darüber bin ich sehr froh.

Ich bin auch jetzt, knapp vier Jahre nach der Geburt meines erstens Kindes, unsicher in meiner Mutterrolle. Ich kaschiere die Unsicherheit, indem ich mal die strenge Lehrerin, mal die liebevolle Kuscheltante, dann wieder die lustige Spielkameradin oder die besorgte Behüterin spiele. Irgendwo dazwischen bin ich. Ich werd mich schon noch finden.

Ich bin froh, dass es Leute gibt, die gerne hier lesen.

Ich bin in letzter Zeit häufig im Mittelpunkt meiner Schreibe. Das ist reine Psychohygiene. Es möge mir verziehen werden.

Ich bin schon wieder so dermaßen im Rückstand mit dem Haushalt, dass ich Angst haben muss, er frisst mich auf, wenn mich an der falschen Stelle der Wohnung aufhalte. Und deswegen muss ich jetzt auch los.

Und was seid ihr so?

Donnerstag, 30. Oktober 2014

Eine große Welle

Es wird Zeit für ein kleines Update in Sachen beruflicher Wiedereinstieg. Der letzte Stand ist hier nachzulesen. Seitdem hat sich nichts getan, aber eine Menge verändert. Die Blockade habe ich gelöst, indem ich einfach aufgehört habe, mich sinnlos im Kreis zu drehen. Ich lasse nun die Dinge einfach auf mich zurollen und nehme sie so, wie sie kommen. Das habe ich bisher mit vielen Dingen so gemacht und bin eigentlich immer gut damit gefahren. Was heißt das konkret?

In erster Linie heißt es, dass ich vorerst nicht umziehen werde. Man kann mir nicht vorhalten, ich hätte es nicht versucht.
Ich habe wochenlang mit der Wohnungssuche verbracht. 
Habe mir Wohnungen angeschaut, bei denen mir der Vermieter wegen des belastenden Eigentums leidtat.
Ich habe eine Anzeige aufgegeben, auf die niemand reagiert hat.
Ich habe Gespräche mit Immobilienmaklern geführt, bei denen mein Einkommen, mein Privatleben, mein Beruf und der Beruf meines Manns regelmäßig im Detail besprochen und in Frage gestellt wurden. 
Es haben Makler nicht zurückgerufen, aufgelegt oder angefangen Ausreden herumzustammeln, wenn ich gesagt habe, dass ich drei Kinder habe. 
Ich habe die Dollarzeichen in den Augen der Makler sehen können, wenn ich sagte, dass ich Beamtin sei und mein Mann Ingenieur. 
Ich bin während der ganzen Zeit nicht einmal, nicht ein einziges Mal kompetent bei der Wohnungssuche beraten worden, auch wenn jedes Mal ich diejenige sein sollte, die für den Dienst bezahlen sollte.
Ich habe zwei Maklern nach zweitklassiger Behandlung aufgrund der Kinder schriftlich mitgeteilt, dass sie mich mal kreuzweise können und werde nun auf die Zusammenarbeit mit diesen Büros wohl verzichten müssen. 
Ich habe mir Wohnungen mit Kaltmieten von 1300 Euro angeschaut. Meiner Meinung nach völlig jenseits von .... von allem einfach.
Ich habe feststellen müssen, dass der Wohnungsmarkt in der Gegend meiner (ja leider immernoch nur eventuell neuen) Schule genauso angespannt ist, wie da, wo wir jetzt wohnen. Hier suche ich immerhin schon ein Jahr lang. 
Ich habe mit Kitas telefoniert, die statt richtiger leider nur Plätze auf der Warteliste haben. 
Ich habe versucht, mich damit abzufinden, dass ein Umzug zum jetzigen Zeitpunkt 10.000 Euro kosten würde aufgrund der Wohnungssituation und der Dringlichkeit, aber das verursachte mir Bauchschmerzen. Denn ich hab dieses Geld nicht. 
Und ich habe versucht, diese Bauchschmerzen wegzudrücken und mich weiter gekümmert, gekümmert und gekümmert.

Irgendwann auf diesem Weg habe ich gemerkt, dass es keinen Sinn hat. All diese Mühen für eine wahrscheinliche Versetzung. Eine Versetzung, die so unsicher ist wie das Ausbleiben des nächsten Trotzanfalls eines meiner Kinder. All diese Mühen vergeblich, weil sich keine echte Lösung finden ließ, die Sinn macht. Für mich und für meine Familie. Und dann dieses Gefühl, dass ich da gar nicht hin will. Dass ich Heimat schaffen will und dass ich das da nicht schaffen kann. 
Als junge Frau war ich einmal zum Studientag in Hildesheim. Ich lief einen Tag durch die Stadt. Am Abend wusste ich, ich könnte dort nicht leben. Alles in mir sträubte sich dagegen. Trotz des einmaligen Studienangebots. So geht es mir mit dieser Stadt. Ich hab dennoch versucht, mich mit dem Gedanken anzufreunden. Aber ich muss mir eingestehen, dass der Versuch gescheitert ist.

Ich habe nun aufgehört, Wohnungen zu suchen. Ich habe aufgehört, den Umzug zu planen. Und ich habe das Thema einfach vom Tisch gefegt. Verdrängung vielleicht. Aber mir geht es damit gut. Sollte es bei dieser Schule bleiben, werde ich fahren müssen. 80 km einfache Strecke. Bleibt es dabei nicht, muss ich neu nachdenken. Bis dahin genieße ich den Rest meiner Elternzeit und lasse den Rest einfach auf mich zukommen. Auch wenn es eine große Welle ist, die da rollt.

Dienstag, 28. Oktober 2014

Was ich alles möchte

Neulich schrieb ich, was ich sollte. Heute ist dran, was ich möchte.

Ich möchte mehr gelesen haben.

Ich möchte endlich diesen furchtbar nervigen Schnupfen loswerden, der mich plagt.

Ich möchte mir nicht immer kurze Haare wünschen, wenn ich lange habe und andersherum.

Ich möchte mal wieder ein neues Kleid kaufen. Ach ne hab ich ja grad. Das grüne.

Ich möchte wissen, was das ist und was man damit machen kann. Mein Sohn geht damit so professionell um. Das macht mir Angst.

Ich möchte gerne wissen, wo man Ordnung halten lernen kann. Kann man das? Das kann man doch vielleicht?

Ich möchte gerne Türkisch lernen und es auch brauchen. Die nette alte Dame in der Nachbarschaft, an deren Wohnung ich jeden Morgen und Nachmittag vorbeiziehe, und die mich und die Kinder immer so freundlich in gebrochenem Deutsch anspricht, könnte ich damit sicher beeindrucken.

Ich möchte die Nase in die Sonne halten. Der Herbst ist schön kalt. Aber mehr Sonne! 

Ich möchte mal wieder den GrüneBohneneintopf meiner Mutter essen.

Ich möchte endlich gefragt werden, warum der Himmel blau ist.

Ich möchte den Winter ohne Magen-Darm-Patienten in der Familie überstehen. Das wäre doch was.

Ich möchte meine Freundin mal wieder sehen. Wenn sie das hier liest, verstehe sie das doch bitte als Einladung.

Ich möchte das noch einmal spielen müssen.


Ich möchte mal wieder ein Buch lesen. Hab ich zwar grad. (hier) Aber das war so schnell zu Ende.

Ich möchte mal wieder mit dem Mann in lateinamerikanischen Tanzkursen streiten. Das streitet sich da einfach stilvoller.


Ich möchte mal wieder aus
diesem Fenster schauen.
Und wie vieles andere auf dieser Liste werde ich das. In Bälde.
Muss mich nur erst noch kurz um die Kinder kümmern.





Wie ich die schönste Sprache der Welt lernte

12. Können Sie in einem Dialekt fluchen?


Nein. Aber ich kann das in einer fremden Sprache. In einer, die aufgrund der aktuellen Situation im Ursprungsland auch hier in Deutschland immer mehr, aber immernoch sehr wenige verstehen. (Im Kindergarten sind es allerdings mittlerweile pro Gruppe mindestens ein bis zwei Kinder. Ich muss mich also zusammenreißen.) Und ich kann das so gut, dass ich inzwischen nicht mehr sicher sein kann, dass die Kinder, die ungarischen Flüche, die sie beherrschen, nur vom Papa (oder überhaupt von ihm?) gelernt haben. Warum? Das ist ganz einfach. Zum einen bin ich vielleicht ein Bauer (dazu schrieb ich schon einmal hier) und das meine ich nicht richtig ernst. Und zum anderen habe ich die ungarische Sprache erst richtig durchs Fluchen gelernt.

Ungarisch ist eine wunderschöne Sprache. Sie wird oft als eine der schwierigsten Sprachen der Welt bezeichnet. Aber das halte ich für Quatsch. Auch wenn es mir durchaus schmeichelt, denn ich habe sie gelernt. Bezwungen sozusagen. Ob eine Sprache schwierig ist oder nicht, das hat dennoch viel mehr mit dem zu tun, der sie lernt und mit der Ausgangssprache der jeweiligen Lerner/innen. Und so hat vielleicht auch die Tatsache, wie jemand eine Sprache lernt, viel mit dem zu tun, der sie lernt?!? Was sagt das jetzt über mich aus? 
Ich habe Ungarisch in der Schule gelernt. Aber nicht so, wie die meisten Schüler in der Schule nicht Englisch oder nicht Latein oder nicht Französisch lernen und nur ihre Zeit absitzen, sondern als Lehrerin. Von Schülern. Und genau deswegen bin ich auch so gut im Fluchen.
Als ich meinen Mann kennen lernte, war ich 23 und hatte mit Ungarn nichts am Hut. Ich war nicht ganz so tellerrandblind wie viele in meiner Umgebung. So wusste ich durchaus, dass die Hauptstadt von Ungarn Budapest und nicht Bukarest ist. Dennoch wusste ich über Ungarn eigentlich nur eins: Dass ich nichts über Ungarn wusste. 

Vier Jahre später zog ich vollständig dorthin, im Herbst 2007 trat ich meine erste Stelle als Lehrerin an einer Fachmittelschule in Budapest an. Meine Sprachkenntnisse waren ungefähr zwischen A2 und B1. Ich konnte also Tomaten kaufen und einen Metrofahrschein. Und ich konnte meiner (inzwischen) Schwiegermutter glaubwürdig vermitteln, dass ich wirklich keinen dritten oder vierten Nachschlag wollte. Zum Überleben im Alltag reichte es also. Zum Arbeiten in der Schule... Nun, es war ein Abenteuer. 

Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie ich ein paar Tage nach Unterrichtsstart vor einer meiner Stunden das Klassenzimmer betrat und zeitgleich das Wort "kurva" hörte. Ich drehte mich um, signalisierte mein Entsetzen darüber und der Tag war gelaufen. Der Schüler war perplex, er hatte gar nicht mich gemeint. Er hatte nur vergessen, den "kurva"-Modus abzuschalten, bevor ich reingekommen war. Bei diesen Jungs war nämlich alles kurvageil, kurvacool, die Autos waren kurvamäßig schnell, der Alkohol hatte am Wochenende voll kurvamäßig reingehauen und die Tussi neulich an der Straßenbahnstelle, also die hatte wirklich kurvamäßig ausgesehen. Was natürlich ein ausgesprochenes Kompliment sein sollte. Nun. Das Missverständnis zwischen mir und dem Schüler aufzuklären, dabei half eine Kollegin. Und wie das manchmal so ist mit solchen Dingen. Die Vermittlung ging kurvamäßig in die Hose. Es war der letzte Tag, an dem ich mir auf diese Art in der Schule helfen lassen wollte. Diese kurvaschwere Sprache musste ich einfach lernen. Und zwar so schnell wie möglich. 

Drei Jahre Schularbeit und drei Sprachkurse später machte ich die Ungarische Oberstufenprüfung. Der Bereich, in dem ich am besten ausgebildet war, kam jedoch leider nicht in der Prüfung dran. Vielleicht lebe ich mich deshalb heute noch manchmal darin aus. 

Dies ist ein Post meiner #99FragenfürEltern Challenge. Wenn du nicht weißt, worum es dabei geht, hier entlang.

Donnerstag, 23. Oktober 2014

Wie das ginge mit der Vereinbarkeit


Als ich noch zur Schule ging, den gleichen Eingang wie heute benutzte, aber um einiges an Lebenserfahrung und Weisheit ärmer war, geisterte dort ein Gerücht herum. Das Gerücht, dass der Lehrerberuf einer derjenigen wäre, der sich ganz wunderbar mit Kindern vereinbaren ließe und deswegen im Grunde der Idealberuf für Frauen wäre. Damals ein Grund, warum ich alles, nur keine Lehrerin werden wollte. Denn Kinder spielten in meinen jugendlichen Lebensträumen keine Rolle, Karriere aber schon. Es kam dann anders. Das mit den Kindern. Und das mit der Vereinbarkeit. 
Heute, nachdem ich ein paar Jahre in diesem Beruf gearbeitet habe und ganz plötzlich auch drei Kinder (geboren 2010, 2012 und 2014) mein Leben bereichern, möchte ich so mancher Frau zurufen: Kind und Karriere? Dann werd bloß nicht Lehrerin!

Das Dilemma fängt schon mit der Ausbildung an. Die standardmäßige Lehrerausbildung dauert im Schnitt sieben Jahre. Eine längere Ausbildung haben nur Mediziner und Rechtsanwälte. Mit der Standardausbildung wirst du aber meistens vieles, nur keine gute Lehrerin. Als Lehrerin, so finde ich, ist es wichtig, menschlich, wissenschaftlich, fachlich und beruflich über den Tellerrand zu schauen. Und geschaut zu haben, bevor man vor eine Klasse tritt. Für diesen Blick jedoch braucht es Zeit. Zeit, die Frauen von Anfang an wegläuft. Abitur mit 18, erstes Examen mit 23, zweites Examen mit 25, danach der Berufseinstieg, für den man locker drei Jahre ansetzen kann, denn im Grunde wird die Lehrerpersönlichkeit erst zu diesem Zeitpunkt richtig geformt. Frau ist nun 28. Da wird es nun aber höchste Eisenbahn. Denn die Fruchtbarkeit lässt ja bald nach. #Vereinbarkeit?

Weiter gehen die Probleme mit den Versetzungen: Das Land hat das Recht, Beamte nach Belieben zu versetzen. Es gibt eine gesetzliche Verpflichtung des Dienstherrn, solche Versetzungen nach sozialen Kriterien vorzunehmen. Dennoch hat diese Rücksichtnahme natürlich Grenzen. (Das habe ich auch kürzlich gelernt.) Für mich als Lehrerin heißt das: Will ich an meiner Schule bleiben, mache ich mich bei allen Kollegen, Mitarbeitern und Schülern am besten so unabkömmlich wie möglich. Wie ich das schaffe? Indem ich in besonders hoher Stundenzahl arbeite, zusätzliche Aufgaben übernehme, Klassenfahrten organisiere und daran teilnehme, für Fremdsprachenlehrer heißt das Schüleraustauschorganisation und -betreuung, für andere möglichst viele Exkursionen, um nur einige Beispiele zu nennen. Meine performance kann ich außerdem durch die Übernahme von Funktionen verbessern, indem ich im Personalrat tätig werde, in der Stundenplanung oder in der Referendarsausbildung, beziehungsweise mich weiterqualifiziere durch Zusatzausbildungen. 
Alle diese Aufgaben (die Liste entbehrt jeder Vollständigkeit) erfordern eine Anwesenheit, die das normale Maß überschreitet, die mit einer erhöhten Wochenendarbeitszeit verbunden ist (auch Ottonormallehrer arbeitet am Wochenende durchaus einiges, denn Korrekturen und Vorbereitungen passen nicht immer in den Wochenablauf) und die häufig mit den Standardbetreuungszeiten kollidieren. Kitas haben im Normalfall von 7-17 Uhr auf. Danach löst die Betreuung jede/r für sich selbst. Für mich konkret heißt das: für alles, was nach 17 Uhr stattfindet, muss ich eine zusätzliche Betreuung auftreiben und bezahlen, was nicht immer einfach ist, was aber so häufig notwendig ist,  das man hier von einer sehr festen Größe sprechen kann/muss. Allein die Elternabende, über die so viele Eltern im Netz von der anderen Seite berichten. Die gehen nicht selten bis 21 Uhr. Theaterabende, Schulaufführungen, Schulfeste, Lesungen, lange Nächte der Wissenschaft, Wandertage. Das alles endet selten bis nie vor 17 Uhr. #Vereinbarkeit

Ein weiterer Punkt ist das berufliche Fortkommen: Karriere und Lehrer, das passt für viele sowieso nicht zusammen. Ich sehe den Begriff Karriere allerdings nicht ganz so eng. Er zielt nach meinem Verständnis vor allem auf eine berufliche Weiterentwicklung ab, ein Nicht-Stehenbleiben. Für mich als Lehrerin heißt das, ich muss an Fortbildungen teilnehmen, ich muss mich didaktisch, pädagogisch und fachwissenschaftlich weiterentwickeln und meine Methodik immer wieder überprüfen. Als Fremdsprachenlehrerin muss ich meine Fremdsprachenkenntnisse auf dem Laufenden halten - und - ganz wichtig - ich muss gesellschaftspolitisch auf dem neuesten Stand sein. Vieles weitere ist ein Kann. Ich kann mich auf Funktionsstellen bewerben, ich kann Seminarlehrer/in werden und ich kann, den Weg zur Schulleiterin einschlagen. Das Problem auch hier: Meistens nach 17 Uhr. #Vereinbarkeit

Ich habe drei Kinder. Und bin Lehrerin. Wird eines meiner Kinder krank, muss ich zu Hause bleiben. Als Beamtin darf ich allerdings nur 4 Tage im Jahr überhaupt zu Hause bleiben. Nicht pro Kind wohlgemerkt, sondern insgesamt. Wird eins der Kinder krank und ich habe meine vier Tage voll, ist offiziell nicht mehr das Kind krank, sondern die Lehrerin. #Vereinbarkeit

Als Lehrerin bin ich verpflichtet, irgendwann auch Klassenlehrerin zu sein. Eine Klassenlehrerin macht Klassenfahrten. Fahrten, die schon in der fünften Klasse über mehrere Tage hinausgehen. Um meine Kinder kümmert sich in dieser Zeit eben der Vater. Wenn der nicht kann, dann habe ich ein Problem oder ich bin eben nicht (Klassen-)Lehrerin. #Vereinbarkeit


Kind und Karriere. Familie und Beruf. Das passt auch bei Lehrerinnen zusammen. 
Es würde allerdings besser passen,

wenn Schulen sich nicht nur um Kinder, sondern auch um die Kinder ihrer Mitarbeiter kümmern würden. 
Wenn auch Beamte ihre kranken Kinder zu Hause pflegen dürften. 
Wenn Schule endlich den Schritt vom Analogen zum Digitalen machen würde - denn auch als Lehrerin lässt sich aus dem Home Office so einiges erledigen.

Wenn Schule ein bisschen seltener dienstrechtlich und etwas häufiger menschlich agieren würde.

Mit diesem Blogpost folgte ich dem Aufruf an dieser Stelle, zum Thema #KindundKarriere zu bloggen. Ich habe auch hier, hier und hier schon dazu geschrieben. Zur Zeit bin ich in Elternzeit und fange im Februar aller Voraussicht nach an, an einer Schule zu arbeiten, die 75 km von meinem Wohnort entfernt ist, weil ich dorthin versetzt wurde.  #Vereinbarkeit

Sonntag, 19. Oktober 2014

Was ich alles sollte

Jeden Abend ist die Liste länger als morgens. Da läuft doch irgendwas schief.

Ich sollte mal wieder joggen gehen. 
Ich sollte mal wieder oben auf den Regalen Staub wischen. 
Ich sollte mal wieder zum Zahnarzt gehen.
Ich sollte endlich mal die Unterlagen auf dem Schreibtisch sortieren. Bald sieht es hier so aus.
Ich sollte regelmäßiger Sport machen.
Ich sollte überhaupt Sport machen.
Ich sollte die nächsten U-Untersuchungstermine der Kinder nun endlich mal organisieren. Kann ja nicht so schwer sein, so ein paar Termine zu machen.
Ich sollte mehr Obst essen. So ein Apfel pro Monat könnte es schon sein.
Ich sollte mich mehr um meinen Mann kümmern. Er ist zwar selten da, aber er wirkt so unbekümmert.
Ich sollte mit meinen Kindern geduldiger sein. Irgendwie bin ich so oft kurz vor oder mitten in der Explosion.
Ich sollte mir ein neues Paar Schuhe kaufen. Die Wirkung der zwei Paar, die ich mir gerade gekauft habe, lässt stark nach.
Ich sollte mehr mit den Kindern spielen.

Ich sollte mehr offline und weniger online sein. Gleichzeitig hätte ich gern mehr online im offline und mehr offline im online. Nein das nun nicht.
Ich sollte dringend mal wieder den Kühlschrank abtauen.
Ich sollte einen Trockner kaufen. Luft trocknet hier nix mehr, außer manchmal meine Schleimhäute.
Ich sollte mal wieder eine Freundin auf einen Kaffee treffen. Den Kaffee hätt ich ja.
Ich sollte mehr Bücher lesen. Es reicht einfach nicht, die Bücher nur zu kaufen und hinzustellen. Das habe ich nun eine Zeitlang versucht und festgestellt, dass es nicht ganz so effektiv ist.
Ich sollte mehr Kuchen backen. Kuchen macht die Seele froh.
Ich sollte endlich die 8357 Fotos der letzten drei Jahre sortieren.
Ich sollte öfter bloggen.

Ich sollte vielleicht weniger darüber nachdenken, was ich noch tun sollte und einfach mehr tun. 

Mittwoch, 15. Oktober 2014

Die Musik und ich

Seit unserer letzten längeren Autofahrt als Familie (drei Kindersitze mit Kindern auf dem Rücksitz - kein Spaß, sage ich euch!) sind die Jungs heiß auf Musik. Zur Erklärung: Wir hören zu Hause selten bis nie Musik. Wie das kommt? Das weiß ich gar nicht so genau und ich finde das auch nicht besonders hervorhebenswert. Aber manche Dinge sind eben so wie sie sind. 

Als junges Mädchen hab ich Querflöte gespielt. Ich war viel tanzen und da ich mit dem Walkman und dann auch Discman groß wurde, habe ich auch viel Musik gehört. Vor allem unterwegs. Zum Beispiel kann ich mich noch an den Sommer 1994 erinnern, als ich auf meiner zweiten Sprachreise Music for the Jilted Generation rauf und runter hörte. Wenn ich dieses Album höre, dann habe ich noch heute den Geschmack des Orangensaftersatzes meiner Gastfamilie auf den Lippen, den Geruch frisch gemähten englischen Rasens in der Nase und den goldenen Sandstrand Margates vor Augen. 

Ich kann mich auch noch genau erinnern, wie ich während meines Austauschjahrs in den USA das erste Mal "In der Halle des Bergkönigs" hörte und völlig überfordert war mit der Herausforderung Teil eines Orchesters zu sein und gleichzeitig völlig geflasht von den gewaltigen Emotionen, die Musik hervorruft, wenn man sie selbst macht.

Durch mein Studium begleitete mich vor allem Coldplay, Wir sind Helden und die ersten nostalgischen 80er CDs. Und dann irgendwann kam ein Bruch. CD's kaufen war out. Downloaden war illegal. Bezahlt downloaden machten nur Honks und im Radio kam für mich gefühlt nur noch Werbung. Da hörte ich auf, Musik zu hören. Eigentlich ne traurige Sache, das. Aber die meiste Zeit fing Musik irgendwann an, mich zu stören. 
Wenn ich zum Beispiel etwas anderes mache und die Musik nebenbei läuft, dann bin ich entweder schnell von der Geräuschkulisse überfordert oder aber die Musik lenkt mich zu sehr ab. Das Problem? Ich mache eigentlich immer was. Der einzige Ort, an dem ich noch regelmäßig Musik höre, ist das Auto. Zur Zeit ist das also eigentlich nur am Wochenende, wenn ich den Wochenendeinkauf erledige oder wenn wir mal wieder auf Reisen sind. (Oder ich auf Wohnungssuche in anderen Städten, aber das ist ja erstmal auf Eis gelegt.)

So wie neulich. Da holte mein Mann im Auto seine Songliste raus und spielte plötzlich das hier:


Und danach dann das:



Alles beides nicht die ganz großen Sterne am Musikhimmel. Auch wenn ich sagen muss, dass es trotz allörtlicher Dauerbeschallung im ersten Anlauf nicht gelungen ist, mir Gangnam Style zu verleiden und das zweite, ein klassisches Kindergeburtstagslied auf ungarisch, das muss man einfach lieben. 

Nun verhält es sich aber so, dass ich seit dieser Autofahrt, bei der drei Kinder auf der Rückbank und zwei Erwachsene auf den Vordersitzen Psy's moves imitierten und das in Dauerschleife so etwa 100 km lang, hier am liebsten zu jeder Tages- und Nachtzeit Gangnam Style laufen lassen soll. Inzwischen ertappe ich Kind P dabei, wie es komische Lieder singt, die ich nicht verstehe und habe die Vermutung, dass er sich im Koreanischen versucht. Beide Jungs können mittlerweile auf dem Globus Korea verorten, aber haben mit Deutschland ihre Schwierigkeiten und tippen immerzu auf die Ukraine oder Russland. Und wenn sie tatsächlich mal ein bisschen Lust auf Abwechslung haben, dann läuft hier Boldog születésnapot von Halász Judit. Dazu muss ich aber glücklicherweise nicht tanzen. Das singen sie selbst und rufen nur immer dazwischen: "Mama du nicht! Mama nicht singen! Das mach ich alleine!"

Ob wir so meinen Musikhörgewohnheiten auf die Sprünge helfen? Ich bin mir nicht sicher.


Dienstag, 14. Oktober 2014

Drei Kinder - Ein Zimmer

Freitag Nacht haben wir hier ein neues Projekt gestartet. Mir ist zwar nicht langweilig, aber irgendwie dachte ich für dieses Projekt wäre es an der Zeit. (Die beiden anderen Male kam es nämlich viel früher zur Umsetzung: siehe hier und hier) Wir haben das Babybett ins Kinderzimmer geschoben und schlugen allen dreien vor: Ab heute schlaft ihr zusammen. Alle Beteiligten schauten ein bisschen blöd, aber das gab sich schnell.

Tolles Projekt übrigens. Die Vorbereitung war ganz leicht. Das Bett wiegt gar nichts und steht auf Parkettschonern. Rübergeschoben. Fertig. Die Durchführung allerdings, die hat es in sich. Die erste Nacht lief super. Alle freuten sich und waren aufgeregt und das führt ja bei Kindern selten, ganz selten dazu, dass sie Dinge annehmen, die ihnen die Erwachsenen sagen. Wir sagten: Schlaft gut und die Kinder schliefen bis halb fünf alle durch, dann stillte ich die Tochter kurz auf dem Schaukelstuhl und legte sie zurück in ihr Bett. Alle kamen später nacheinander raus. Nicht spät genug und nicht ganz alle. Aber naja. 

In die zweite Nacht starteten wir mit einer akuten Mittelohrentzündung und einem weinerlichen Kapitän (Spitzname von Kind P). In dieser Nacht schliefen er und ich erst gar nicht, bis er Schmerzmittel bekam und sich beruhigte. Dann schliefen alle ein bisschen, allerdings das Mittelohrkind ab da bei uns. Später wachte die Tochter auf und ich stillte sie. Gleichzeitig wurde Kind M wach und schlief auch nicht wieder ein. Ich legte mich dann zu ihm, um zu schlafen, aber er verlangte Kopfstreicheln und drohte mit Brüllen. Also gehorchte ich. Das ist bei ihm sowieso meistens besser. Er kann wie ein Sturm sein, den man in geduckter Haltung vorüberziehen lassen sollte. Nach einer halben Stunde hatte ich mich müde gestreichelt und das Kind offenbar wach. Ich gab auf, ging raus und die Nacht war nun beendet. Denn das wache Kind kam wenig später hinterhergetrippelt und sprach: Will nich mehr schlafen! Es war 5.15 Uhr. Ich widersprach nicht. Der Sturm!
Das Bild hat nichts mit dem Text zu tun.
Es befindet sich hier nur wegen seiner beruhigenden Wirkung.

Heute schlief das Mittelohrkind super, die Schmerzen scheinen nicht mehr ganz so schlimm zu sein. Aber Kind M fing um 23 Uhr an, wiederholt aus dem Zimmer zu tappen, und nach Wasser zu verlangen. Nach dreimaligem Aufstehen, Wasser organisieren, wieder ins Bett befördern gab ich auf und legte mich zu ihm. Diesmal konnte ich ihn zurück in den Schlaf langweilen. Aber ich kroch erst nach einer Stunde wieder in mein Bett und schlief nur mühselig wieder ein.

Eben, um 4.20 Uhr hab ich die Tochter zum Stillen rübergeholt. Die anderen beiden sind nicht wach geworden, aber bei mir war es mal wieder vorbei mit dem Schlaf.

Das Projekt läuft super, würde ich sagen. Nur an dem Schlaf müssen wir noch arbeiten. Falls ihr das mal nachmachen wollt, stelle ich euch gern ein paar Kinder zur Verfügung. Nur den Schlaf müsstet ihr selbst organisieren. Ich empfehle, das Projekt ausgeschlafen anzugehen.

Montag, 13. Oktober 2014

12 von 12 im Oktober

12 Fotos an jedem 12. eines Monats. Mehr Fotos gibt's bei draußennurkännchen

Der Morgen startet mit dem Baggerbuch. Die Kinder haben das erste Mal alle drei in einem Zimmer geschlafen. Hat gut geklappt. In der zweiten Nacht allerdings nicht mehr so. Da haben dann alle kreuz und quer geschlafen und ich eher so gar nicht. Das Baggerbuch war zur Unterhaltung von Kind M, unserem Frühaufsteher.

Zum Frühstück gab's wieder Deutschlandbrote. Die macht der Papa.

Im Garten zieht der Herbst ein.


Zum Mittagessen gab's Schnitzel.


Die ersten werden nie. Ich übe immernoch. Wenn ich es irgendwann kann, dann will meine Schnitzel keiner mehr.


Kind A bekommt nun Gequetschtes statt Püriertes. Denn sie hat schon sieben Zähne. 

Am Nachmittag starte ich erneut mit The Circle. 

Der Papa holt derweil Kuchen aus der Konditorei. Rechts Spinatkuchen für die Mama.


Die Wasserbahn wird gereinigt und eingewintert.


Nachmittagsprogramm findet im Garten statt. Die halbe Mannschaft ist krank.


Bügeln. Wer fotografiert denn sowas?


Am Abend gab's Grießbrei mit Himbeeren und Honig.


Schöner Tag. Mit weniger krank und mehr gesund wäre er sicher noch schöner gewesen.

Samstag, 11. Oktober 2014

Blockiert

Ich bin blockiert. So richtig. Wenn ich eins nicht ausstehen kann, dann ist es, nicht genau zu wissen, wie es weitergeht.

Ich hatte eine Menge Pläne. Davon realisiere ich gerade null. Und sie liegen auch gar nicht mehr an vorderster Stelle auf dem Schreibtisch, weil ich mich gerade nur im Kreis drehe. Das klingt vielleicht ein wenig dramatisch, aber so empfinde ich das. 

Ich hatte eine Idee. Und wollte sie optimistisch angehen und nach kurzer Zeit ist mein Optimismus hinüber. Warum? Weil immer alles gleich klappen muss? Oder weil ich zu ungeduldig bin? Oder zu nervös? Oder zu was weiß ich?
Ja. Das alles. Und noch mehr.

Die Idee war, bis Februar umzuziehen, an den Ort mit der Schule, an der ich im September anfangen sollte. Ich schrieb darüber. Und dann im Februar dort anzufangen. Die Schule würde mich anfordern. Darüber habe ich nichts Schriftliches. Eine mündliche Zusage. Und die Aussage, dass es keine Garantie gäbe, dass ich dort anfangen kann, es aber doch sehr wahrscheinlich ist. Ich war anfangs wahnsinnig optimistisch und habe mich gefreut. Eine Lösung in Sicht und endlich ein Plan! Je länger ich an der Umsetzung arbeite, desto intensiver bröckelt er.

Von allen Seiten höre ich, dass ich mich nicht auf mündliche Zusagen und Versprechen verlassen soll. Dass ich Druck machen soll (nur wie? Und wem? Im Ministerium, sagt man. Genau dort, wo ich gar keinen Druck machen darf. Ich schrieb auch darüber). Dass ich auf keinen Fall umziehen soll, bevor es nicht hundertprozentig sicher ist. (Das ist übrigens Mitte Januar, da kann ich dann gar nicht nicht mehr umziehen. Das ist rein technisch nicht möglich.) Ich finde keinen Wohnraum, der bezahlbar ist und ausreicht für meine drei Kinder. Ich brauche 5 Zimmer. Wenn ich schon umziehen muss, dann doch bitte nicht wieder in drei Zimmer. Ich muss zu Hause arbeiten können und brauche auch dafür eigentlich ein Zimmer. Das habe ich mir schon völlig abgeschminkt und suche nach allem, was irgendwie vier Räume hat. Aber auch davon gibt es nicht viel.

Ich habe auch bisher keine Kitaplätze gefunden. Ein Haus auf dem Land in der Umgebung, das schien die Lösung. Aber davon gibt es nicht viele. Und dann habe ich Angst. Aus Häusern lässt sich der Mieter viel leichter loswerden als aus Wohnungen. Und da ist oft noch mehr gespart worden bei Dämmung und Baumaterialien. Ich wohne derzeit mit Schimmel. Ich träume von einer Wohnung ohne. Es gibt davon nicht viele.
Manche Wohnungen tun so als ob. Bis du dann eingezogen bist. Das will ich nicht.

Dazu kommt, dass ich traurig bin, hier wegzumüssen. Ich bin gerade erst richtig angekommen. Ich habe auch hier kein stabiles soziales Netz, aber ich habe immerhin ein bis zwei Leute, die ich im Notfall anrufen kann. Bisher gab es keinen Notfall, seit ich mit den Kindern allein bin. Aber das war nur Zufall. In zwei Wochen steht hier eine OP ins Haus. Da bin ich gespannt, wie ich das löse. Nach einem Umzug, noch dazu aufs Land, fange ich wieder komplett von vorne an. 
Außerdem kann ich mich mit dem Gedanken in einer Kleinstadt zu wohnen nicht so richtig anfreunden. Auf dem Dorf noch viel weniger. Budapest ist meine Größenordnung. 
Der Mensch ist anpassungsfähig. Aber ich habe Angst. Es sind vielleicht Kleinigkeiten, aber ich gehe immer in den gleichen Supermarkt. Es irritiert mich schon, wenn da die Zwiebeln mal woanders liegen. Ich habe lange gebraucht, um mit den Kinderärzten warm zu werden, die ich hier habe, also um mich nicht jedes Mal nach dem Besuch zu entnerven. Ich weiß inzwischen, wo es guten Döner gibt, und welche Schwimmbäder mit Kleinkindern und auch sonst, einfach unbrauchbar sind. Ich weiß, bei welchem Bäcker die Brötchen auch am nächsten Tag noch schmecken und ich weiß, an welchen Stellen in der Stadt man keinen Parkplatz bekommt. Ich bin wohl ein Gewohnheitstier geworden. Vielleicht ist es auch nur dieses Tier in mir, das sich sträubt. Aber eigentlich glaube ich das nicht. Was da von mir erwartet wird, scheint einfach zuviel. Nur für mich, sagen manche. Denn Mobilität, Flexibilität, das gehört doch heute dazu. Warum stelle ich mich so an? Vielleicht ist es das. Vielleicht stelle ich mich tatsächlich nur an. Das sage ich mir manchmal und dann gehts wieder. Aber ausgeglichen ist anders.

Heute schauen wir ein Haus auf dem Dorf an. Eigentlich will ich das gar nicht richtig sehen.

Donnerstag, 9. Oktober 2014

Alles nur nicht tiefenentspannt

Heute ne Mutter im Kindergarten aufgegabelt. Sie hat zwei Jungs, 3 und 5, und wir latschen beide immer ähnlich gestresst beim Abholen aneinander vorbei. Heute hat sie mich angesprochen. Später dann irgendwann auf dem Spielplatz sagt sie zu mir: "Du wirkst immer so tiefenentspannt." Liebe Mutter, zur Zeit bin ich alles, bloß nicht tiefenentspannt. 

Heute bin ich mal wieder 140 km auf der Autobahn gegurkt, immer schön zwischen 90 und 160 hinterm LKW oder am LKW vorbei und immer schön genervt, weil das Auto so laut, die Musik so schlecht und ich keine Lust auf Autofahren hab, um mir dann zwei Wohnungen anzuschauen, die....ach eigentlich sagen die beide mal wieder alles aus, was es zum Wohnungsmarkt hier zu sagen gibt. 

Wohnung eins. Ich komme an. Die Maklerin führt mich zur Wohnung. Am Wohnungseingang: "Da, die Garage, dat wäre Ihre. Da is der Garten, Wolln wa da ringehn? (Die Maklerin is aus Berlin. Ich fühle mich heimisch. Bei ihr. In der Wohnung wird mir übel.) Könnse gleich ma kieken. Is janz schön. Könnse ooch so gestalten, wie se wolln. Der Vermieter is total alt, der kann damit eh nix mehr anfangen, sacht er." Gut, gehn wa kieken. Garten. Direkt hinterm Garten ein Riesen Obi Baumarkt. Is ja praktisch, wenn man was für den Garten braucht. Oder sonst für die Wohnung. 

Dann gehn wa hoch. Genuch gesehen. Wir kommen in die Wohnung. Da steht der alte Mann. Der, der mit dem Garten nix mehr anfangen kann und schwerhörig ist und auch sonst.....der Vermieter halt. Seine Tochter ist auch da, so 60. Sie kiekt raus. "Sind Sie die Maklerin? Also wissen Sie, das entscheidet hier alles mein Bruder. Der hat das letzte Wort hier mit dem Mietvertrag und so. Also so einfach geht das nicht. Na, wenn Sie schon mal da sind, können Sie auch hochgehen." 

Wir gehen die Treppe hoch, obwohl ich inzwischen am liebsten das Haus verlassen hätte. Wir landen in der Wohnung: "Also das ist die Wohnung, hier ein Zimmer. (Cool, ein Zimmer. Wenn sie das nicht gesagt hätte, hätt ich das eventuell für den Keller gehalten.) Das könnte ein Schlafzimmer sein. Oder ein Wohnzimmer. Alles was Sie möchten." (Geil. Ich liebe flexible Zimmer. Ist ja heute das A und O bei Zimmern) Wir gehen weiter, kucken ins Bad, sehen Schimmel, also ich, an der Decke, an den Wänden. Gehn ins Kinderzimmer. Sehen weiteren Schimmel an den Wänden. "Also wissen Sie, das Parkett, das wird noch gemacht. Malern müssten Sie dann halt." Gut, denk ich. Malern. Schimmelsanierung wäre vielleicht besser. Über den praktischen Obi sprechen wir nicht. Wir schauen uns den Schimmel in den anderen Wunschräumen an und zwischendurch schreien wir dem schwerhörigen Vermieter meine familiäre Situation zu: LEHRERIN? AHA! UND IHR MANN? AHA. UND DIE KINDER? ALLEINE? WER KÜMMERT SICH DA? Irgendwann beenden wir die Besichtigung. Ich verabschiede mich mit einem: "Ich melde mich." und fahre zu

Wohnung zwei. Dort erwartet mich ein Neubau aus 2012. Eine 4-Raum-Wohnung in einem Sieben-Familien-Haus im 1. OG mit Lift. 1300 Euro warm soll der Spaß kosten. Die Maklerin: Gestylt bis zur Fußsohle. So wie sie gestylt ist, redet sie auch: "Also es handelt sich hier um ein ganz apartes Objekt. Hier ist an nichts gespart worden. Hier zieht man ein und fühlt sich wohl." Warum ist denn die Vormieterin ausgezogen, frage ich. "Ach nun ja, wissen Sie, die hat sich verliebt, in den Vermieter. Stellen Sie sich das mal vor." Ich stelle mir das vor und sage: "Ohje. Ist das noch derselbe Vermieter? Dann ist die Wohnung ja nix für mich. Ich bin ja schließlich schon verheiratet." Sie findet mich unlustig. Ich finde sie humorlos. Es ist Liebe auf den ersten Blick. 
Wir gehen durch die Wohnung: Ein waaaaaahnsinnig attraktiver Wohn-Ess-Bereich, mit viel Platz, um Kunst aufzuhängen. Kunst, denke ich. Was meint sie damit? Wie meint sie das, Kunst? Wir gehen weiter in die kleinen Zimmer und versuchen herauszuschätzen, ob da überhaupt ein Bett reinpasst, sind uns nicht sicher und schauen uns die Küche an. Das absolute Schmankerl der Wohnung. Neuwert 14.000 Euro. Ich kann sie für 4000 Euro haben. Ein Schnäppchen. In Lila übrigens und Hochglanz. Wer mich kennt, der weiß, dass ich gefragt habe: "Wäre das schlimm, wenn wa die rausreißen müssen?" Die Wohnung ist mit Belüftungssystem und pipapo, neueste "KfW 60 oder 70 oder, jedenfalls richtig gut", sagt die Maklerin. Ich nicke und denke, Klimaanlage. Supi. Bakterienschleudern. Wir unterhalten uns gut, stellen fest, die Wohnung ist zu klein und fahren zu ihrem Prestigeobjekt. Eine Wohnung, noch im Rohbau mit alles: "Hackschnitzelheizung, Wärmedämmung (geiles Zeug das!), Ausblick, elektrische Rollos, Granit, Parkett, alles eben." Nun soll ich ein Angebot erhalten. Für etwa 145 qm. Ich vermute, es wird bei 1800 Euro warm liegen. 

Damit ist zu meiner aktuellen Wohnungssuche eigentlich mal wieder alles gesagt. Heute sehe ich schwarz. Mal sehen, ob ich da wieder einen Grauton reinkriege. Tiefenentspannt ist jedenfalls anders.

Mittwoch, 8. Oktober 2014

Auf Wohnungssuche

Kommt der Prophet nicht zum Berg und so weiter. Auf jeden Fall bin ich nun auf Wohnungs- statt auf Stellensuche. Darin bin ich ja schon geübt. Suche ja immerhin schon seit einem Jahr. Jetzt eben woanders. Die viele Übung hilft mir leider scheinbar nicht weiter. 
Ich bekomme viele Tipps: Anzeigenblätter studieren! Bloß keine Makler! Anzeigen aufgeben! Zettel aufhängen! Augen offen halten. Ich beherzige sie alle. Vor allem die mit den Augen. Meine Augen sind so offen. Ich krieg sie mittlerweile nachts kaum zu.

Ja, ich hab Ansprüche an eine Wohnung. Ich habe schon in vielen Wohnungen gewohnt und weiß daher genau, was ich nicht will. Ganz oben auf der Liste steht: Ich möchte keinen Schimmel in meiner Wohnung. Das scheint ein angemessener Wunsch zu sein, ist aber gar nicht so einfach. Denn Wohnungen werden gerade in Ballungsgebieten gerne zügig und billig aus dem Boden gestampft. Da wird an der Dämmung gespart, da planen Leute, deren Kopf voller Visionen und Träume ist, die aber keine Ahnung haben, an welche Stelle Heizkörper in die Wohnung gehören, damit sie gut belüftet werden kann und dass man sich bei großen Fensterfronten über Ecken totheizen kann, bevor es da warm wird. Und dass man Badezimmer, wenn man sie schon ohne Fenster plant, nicht in die letzte Kuschelecke der Wohnung baut, damit auch ja nie frische Luft hineinströmt. Und so wohne ich auch derzeit in einer kuscheligen Wohnung auf 73 qm mit drei Kindern und einem Pilz. Das ist nicht gut, ich weiß das. Bevor mir das jemand sagen will. Der Winter steht bevor und da wird er wieder kommen, unser Mitbewohner. Ich wäre gerne weg, bevor das geschieht. Und seit neuestem habe ich ja auch Termindruck.

Ein weiterer Wunsch für meine Wohnung: Ich hätte gerne Zimmer. Schlafzimmer, Wohnzimmer, Kinderzimmer. Sowas. Gar nicht so einfach. Denn hier kommen wieder die Leute mit den Visionen ins Spiel. Die träumen von großen, offenen Wohnungen. Nun ich bin offen für vieles. In Wirklichkeit bin ich so offen, dass ich inzwischen auf eine Badezimmertür verzichten könnte. Die steht hier eh immer offen rum. Aber ich brauche Zimmer mit Türen. Ich brauche etwas, das sich Flur nennt. Einen Raum, in dem ich die Kinder nach dem Spielplatz in aller Ruhe nackig machen kann, damit der Sandkasten nicht im Wohnzimmer landet. Ich brauche eine Küche, aus der ich nicht immer rausrennen muss, um nach den Kindern zu sehen oder weil ich keine Luft mehr bekomme, weil sie so klein ist. Ich brauche ein Kinderzimmer mit Tür, die ich abends zumachen kann. Damit alle vor allen ein wenig Ruhe haben. 
Und was finde ich? Wohnungen mit Ankleiden so groß wie mein Wohnzimmer und Wohnungen ohne Kinderzimmer, aber mit Wohn-Essbereichen, die so groß sind, dass du dich beim Essen anschreien musst, um dich noch zu hören. 

Ein weiterer Wunsch: Ich brauche ein Bad mit Fenster. Das scheint der wohl komplizierteste Wunsch von allen zu sein. Aber darauf bestehe ich. Und weil ich darauf so bestehe, fallen rund 70 Prozent der Wohnungen raus. Und es sind häufig neu gebaute oder relativ neue, die deshalb rausfallen. Meinetwegen sollen sie fallen. Ich will sie nicht mehr sehen und hören, die verdreckten und abartig lauten Lüftungsapparate, die sich Leute ausdenken, die keine Ahnung haben, wie das ist, wenn du nachts auf den falschen Schalter drückst und dann im Schlafzimmer 20 Minuten die Lüftung rauschen hörst und deswegen nicht mehr einschlafen kannst.

Ach und was ich auch brauche: Menschen. Menschen, die Wohnraum vermitteln. Menschen, das schrieb ich neulich, erkennst du leicht: 

Und was finde ich? Leute, die in Begeisterungsstürme ausbrechen, wenn ich sage, dass ich Lehrerin bin und der Mann Ingenieur und die das Gespräch abbrechen, wenn ich sage, dass ich drei kleine Kinder habe. Makler, die mich trotz mehrmaliger Aufforderung tagelang nicht zurückrufen, weil sie liebe kinderlose Leute vermitteln. Leute, die 150 Quadratmeter Wohnung anbieten mit der Überschrift: Ideal für das Paar. Leute, die Häuser mit der Überschrift "Super für Singles" anbieten. Und noch viele andere....ähm, ich bleibe mal einfach bei Leute. Mit Kindern bist du auf dem Wohnungsmarkt so vermittelbar wie glücklich verheiratet auf der Singlebörse. Ach ne, warte, das soll sogar ganz gut gehen, hab ich gehört. 
Am Wochenende schaue ich mir ein Haus an, auf dem Land. 150 Quadratmeter. 4 Zimmer. Ich kann den Haken bis hierher schaukeln sehen. Der Wohn-Essbereich hat wahrscheinlich 85 qm. Immerhin gibt es im Dorf drei Kitaplätze und einen nahkauf. Die Mitgliedschaft im Schützenverein gibt's wahrscheinlich gratis oben drauf.