Dienstag, 6. Oktober 2015

Vom Lesen und Schreiben

Das mit dem Schreiben ist so eine Sache. Das braucht Zeit. Ich muss ganz oft daran denken. Auch im Unterricht. Da stehe ich in meinem Oberstufenkurs und predige, "Ihr müsst lesen!", "Ihr müsst schreiben!" und "Ihr müsst vor allem lesen wollen und schreiben wollen!" und dann merke ich, was ich da eigentlich rede und muss innerlich grinsen und dann grinse ich auch äußerlich und dann ist es meistens vorbei mit der Autorität, aber das macht nichts, denn sie verzeihen mir das, diese jungen Menschen, weil es echt ist, die Reflexion meiner Rolle. Der Dinge, die ich da so von mir gebe, wenn ich Montag morgens in meiner neuen Hipsterhose vor ihnen stehe und mich innerlich immer wieder frage, hören die mir wirklich so aufmerksam zu oder machen du nur innerlich Notizen für Twitter?

Aber zurück zum Eigentlichen, zum Wesentlichen, darum sollte es ja gerade gehen. Denn es ist die Geschichte vom Wasser und Wein, die ich da erzähle und ich merke das beim Erzählen. Ich sage "Lest!" und falle jeden Abend mit schlechtem Gewissen ins Bett, weil ich wieder nur Lehrbücher und Unterrichtsnotizen gelesen habe. Ich sage "Schreibt!" und schaue sehnsuchtsvoll manchmal hier rein, in der Hoffnung, es hätte vielleicht jemand anders inzwischen heimlich für mich übernommen: "Ich mach das für dich, konzentrier du dich erstmal ne Weile aufs Wesentliche." Dieses Wesentliche, was ist das eigentlich? Es ist doch das, wofür man immer irgendwie keine Zeit hat und das, was eigentlich passieren sollte, während man die ganze Zeit damit beschäftigt ist, das zu tun, was alle für das Wesentliche halten, beziehungsweise halten müssen, weil es gar nicht anders geht. 

Und während ich da so stehe und predige, verstehen wir uns so gut, diese jungen Menschen und ich. Denn es geht ihnen auf der anderen Seite genauso. Sie hören "Lest!" und denken sorgenvoll an ihr Lernpensum vom Nachmittag. Sie hören "Schreibt einfach los!" und fragen sich "Wie geht das denn? Ist das erlaubt? Und wozu eigentlich?" Sie hören "Macht mal einfach!" und fragen "Welchen Nutzen hat das fürs Abitur?" und dann möchte man weinen und sich ärgern und über die schlimmen jungen Menschen von heute schimpfen, die nur noch an ihren Vorteil, an den Nutzen denken und dann schaut man in ihren Stundenplan und sieht 38 Unterrichtsstunden und schaut in ihre Akten und sieht 2 tägliche Fahrstunden und dann schaut man in ihre Köpfe und sieht Chaos. Weil sie keine Zeit haben fürs Aufräumen. Fürs Wesentliche. Denn das ist es doch, was Lesen und Schreiben machen. Den Kopf aufräumen. Einfach mal Staub wischen auf den Gedanken von vorgestern und den Müll aus den hintersten Ecken hervorkramen, ihn nostalgisch anstarren, um ihn dann in einer dramatischen Übersprungshandlung rauszufeuern. Ihr müsst ab und zu aufräumen. Ihr müsst. Wir müssen. Ich muss. Ich will.