Mittwoch, 27. April 2016

Wohnraumsuche oder lebenslanges Lernen

Eine Wohnung zu finden, das war früher mal ganz einfach. Das stimmt natürlich nicht ganz, denn dieses Früher, wann soll das schon gewesen sein und auf wen soll sich das beziehen? Wenn ich auf mein eigenes Leben schaue, dann stelle ich fest, eins der größten Probleme war immer schon und wird es vielleicht hoffentlich auch bleiben, das Finden einer geeigneten Behausung für mich und inzwischen eben für meine Familie und mich. 

Als Studentin war die Wohnungssuche auch nicht einfach, denn da hatte ich keine Einnahmen. Und keine Sicherheiten. Mein popeliges Bafög interessierte Vermieter nicht besonders und für Makler hatte ich kein Geld. Aber wenigstens fand ich was. Denn es gab was. Das war rückblickend irgendwie doch ganz ein wenig erleichternd. 

Dann schloss ich mein Studium ab und, wild und ungestüm wie ich war, ging ich direkt nach dem ersten Staatsexamen nach Budapest, um dort zu unterrichten. Und ich lernte den Wohnungsmarkt in Budapest kennen. Das war ganz interessant zu sehen, ich habe dort viel gelernt. Zum Beispiel, dass man Wohnungen auch ganz ohne Mietvertrag mieten kann und dass man das Mieten einer ebenerdigen Wohnung ohne Sicherheitstüren vielleicht lieber vermeidet, weil es dann sein kann, dass man nachts, während man im Schlafzimmer - ein wenig unruhig zwar - aber dennoch unbekümmert schlummert, ausgeraubt werden kann, sodass man morgens aufsteht und vergeblich Handy, Laptop und Fotoapparate sucht. Und vor einer offenen Tür steht. Ich habe gelernt, dass man zur Not innerhalb weniger Stunden irgendwo ausziehen kann. Ich habe auch gelernt, dass man sich zu zweit sehr gut in einem Zimmer arrangieren kann. Und dass Alpträume, die man wegen Einbrechern hat, die einen im eigenen Heim um mehrere Tausend Euro erleichtern, irgendwann verschwinden. Ich habe gelernt, dass man sehr gut mit den eigenen Schwiegereltern unter einem Dach wohnen kann, ja sogar, dass man dies als großen Luxus empfinden kann. Und ich habe auch gelernt, dass eine Alarmanlage manchmal durch Katzen ausgelöst werden kann. Alles in allem eine sehr spannende Zeit. 

Dann sind wir nach Bayern gekommen. Die erste Station war Regensburg. Dort hab ich gelernt, dass man Immobilienmaklern um den Bart gehen muss. Ich habe gelernt, dass Kinder nicht so gern gesehen sind, wenn man sich nach Wohnungen umschaut und dass man eher eine Wohnungsvertrag unterschreibt, wenn man einen Hund hat, aber Single ist, als wenn man keine Haustiere hat, aber ein Kind im Bobbycaralter. Ich habe gelernt, dass man Wohnungen auch ohne Makler besichtigen kann, dass es dann aber manchmal ein Mietercasting gibt, für das man sich hübsch machen muss und am besten irgendwo sichtbar die aktuellen Einkommensnachweise ans Jackett pinnt. Ich habe gelernt, dass ein schnell wachsender Wohnungsmarkt durchaus Wohnraum bietet, dieser aber gerne mal schimmelt, weil schnell und billig gebaut, aber teuer vermietet werden soll, für Details in diesem Prozess aber eben manchmal die Zeit abhanden kam. Ich habe gelernt, dass man Innenwandtemperaturen mit Lasergeräten messen kann und dass man Wohnungen über Tiefgaragen vielleicht lieber nicht mietet. Ich habe gelernt, dass man mit vier Personen in einer Dreiraumwohnung von 73 qm gut zurecht kommt, dass die 1000 Euro Miete dafür dennoch irgendwie schmerzen. Ich habe gelernt, dass man sich darüber nicht beschweren darf, denn in München, also da wäre das ein Traum! Ich habe außerdem gelernt, dass viele Makler der Ansicht sind, Wohnungen von 120 qm wären für eine Familie von 4 Personen zu klein, sie mir aber die Wahrheit - dass ich unvermittelbar bin - einfach aus Höflichkeit verschweigen wollen. Ich habe gelernt, dass man auch in einer baubedingt schimmeligen Wohnung leben kann. Dass das Wohnfeeling dadurch zwar ein wenig reduziert ist, man sich aber vielleicht doch besser fühlt als im Zelt.


Unsere zweite Station auf dem bayerischen Wohnungsmarkt war ein kleines Dorf am Rande der Oberpfalz. Hierhin hat es uns verschlagen, weil mich das Ministerium versetzt hat, in eine Schule 80 km von meinem damaligen Wohnort entfernt. Ich habe darüber an anderer Stelle ausführlich berichtet. Pendeln wäre kein Problem, sagte man mir, Umzug auch nicht, ich müsse mich halt nur entscheiden. Wir entschieden uns für den Wohnortwechsel und wohnten nun auf dem Land. Auf dieser Station meiner Wohnraumreise habe ich gelernt, dass man Häuser mittlerweile gerne mit Belüftungsanlagen baut. Dann muss man die Fenster nicht mehr aufmachen. Wenn man ganz viel Pech hat, kann man das gar nicht, weil irgendein Schlaumeier die Belüftungsanlage für so dermaßen abgefahren hält, dass er dir Fenster einbaut, die nicht zu öffnen sind. Ich habe gelernt, dass die Luft in solchen Häusern gerne sehr trocken ist und dass man keine Heizungen hat, auf die man die nassen Sachen legen kann. Ich habe gelernt, dass Schimmel bei einer Luftfeuchtigkeit von 34 % keine Chance hat. Das ist eigentlich ganz schön. Weiterhin habe ich gelernt, dass meine Vorstellung nie mehr als 1000 Euro Miete zu zahlen ein naiver, absurder Traum war, von dem ich mich besser verabschiede. Außerdem habe ich gelernt, dass es Zeitverträge für Wohnraum gibt und dass man sich ganz genau überlegen sollte, ob man solche Verträge unterschreibt. Ich habe gelernt, dass mir 200 qm viel zu viel sind und ich mich auf 120 qm (auch mit vier Kindern) sehr wohl fühlen würde. Ich habe gelernt, dass mir 750 qm Rasenfläche zu viel zum Mähen sind, auch wenn es schön anzuschauen ist. Und ich habe gelernt, dass man auch auf 200 qm den Eindruck entstehen lassen kann, man bräuchte den ganzen Platz. 

Zur Zeit bin ich auf der Suche nach unserer nächsten Station, das haben sicher einige verfolgt. Was meine Lebenssituation angeht, habe ich derzeit Spitzenkarten.
- Ich habe einen Zeitvertrag für ein Haus, den ich frühestens im April 2017 kündigen kann. 
- Ich habe drei Kinder und das vierte sieht man mir an.
- Ich habe ein sehr gutes Beamtengehalt, bin aber schwanger und bekomme bald Elterngeld (Und wer weiß, ob ich danach je wieder arbeiten gehe!)
- Ich muss einen Versetzungsantrag stellen, kann dies im Oktober oder April tun. Der im Oktober würde im Januar bewilligt, der im April Mitte Juli.
- Egal, wo ich lande, ich muss einen Krippenplatz und zwei Kindergartenplätze finden, vorzugsweise in einer Einrichtung (ich träume schon wieder, lassen Sie mich!)
- Für den Versetzungsantrag brauche ich eine neue Adresse. Sonst wird der nicht genehmigt. Also erst Wohnung, dann Antrag. Es kann aber sein, dass ich dann wieder eine Schule bekomme, die 80 km weit weg ist vom selbst gewählten Wohnort. (Pech gehabt.)
- Miete ich eine Wohnung vor April 2017, zahle ich Doppelmiete.
- Kaufe ich eine Wohnung/ ein Haus vor April 2017, zahle ich Miete und Finanzierung.
- Ein Finanzierungsantrag zum jetzigen Zeitpunkt ist angeraten, denn ich bin zwar schwanger, aber ich habe noch echte Einkünfte (bloß die Raten kann ich dann nicht bezahlen, aber dafür kann ich ja einen Kredit aufnehmen)

Mit diesen Karten suche ich derzeit Wohnraum für meine Familie in einem Ort 140 km entfernt von unserem jetzigen Wohnort, was im Grunde einer Vollzeittätigkeit entspricht. Das Schöne daran: Ich lerne wieder so wahnsinnig viel. Heute habe ich zum Beispiel bei der dritten Finanzberatung diese Woche gelernt, dass mein Bauch zu dick ist, um ihn noch zu verstecken. Dass man aber bei großen Banken anonyme (im Sinne von die sehen mich ja nicht) Finanzierungsanfragen stellen kann und das vierte Kind dann gar nicht auffällt. Ist doch schön, dieses lebenslange Lernen, oder?

Dienstag, 26. April 2016

Zu schön, um geplant zu sein

Ich lese hier in diesem Internet immer mal wieder von Kinderplanung. Häufiger von geplanten, weniger häufig von ungeplanten Kindern. Einen Plan zu haben im Leben, das scheint mir ganz allgemein sehr wichtig zu sein. Ich finde das spannend. Sauspannend. 

Einfach drauf los oder erst planen? Wie macht ihr das so?
Bei uns ist die Sache mit der Kinderplanung ganz einfach. Sohn I kam 2010 auf die Welt. Geplant, Ende 2006 zum ersten Mal. Wir waren jung und romantisch und frisch verheiratet und überlegten in zahlreichen Gesprächen so laut zusammen herum, wann denn dieses, unser Kind kommen dürfte, könnte, sollte. Der Mann witzelte, er wolle Fußballmannschaften, mindestens aber einen Vierer-Kajak und ich überlegte viel daran herum, wie das wohl sei mit dem Schwangersein. Was ich mir gar nicht überlegte, war, ob es eventuell schwierig für mich werden könnte, auf dem Wohnungs-, Arbeits- oder sonst irgendwelchen Märkten. Ich romantisierte naiv herum und war dabei sehr glücklich. 
Ich machte mein Staatsexamen. Unschwanger. Ich fing an zu arbeiten. Unschwanger. Ich arbeitete das erste Jahr. Und blieb weiterhin unschwanger. Ich machte mir aber keine Gedanken. Wir hatten ja einen Plan. Ich romantisierte weiterhin naiv herum und amüsierte mich halt währenddessen sehr auf meinen Arbeitsstellen in Budapest. Nebenbei dachte ich manchmal, so in ganz stillen Momenten: Mensch, diese Kinderplanung, das ist aber auch nicht so leicht, wie man denkt. Aber ich ließ mich nicht verunsichern. 

Irgendwann 2009 erwähnte ich mein Nichtschwangerwerden einmal beim Frauenarzt. Zwei Jahre ohne Ergebnis? Dann sind sie eigentlich unfruchtbar, sagte man mir. Da müssen wir was machen. Relativ schnell landete ich in einer Kinderwunschklinik. Dort bot man mir einen Plan an. Einen Untersuchungsplan, der uns 2000 Euro kosten sollte, ohne Kinderwunschbehandlung wohlgemerkt und aus eigener Tasche. Ich lehnte das Angebot ab und wurde einfach weiter nicht schwanger. Das dritte Jahr. Wir hatten zwar ein Kind geplant. Aber offenbar war da irgendein Fehler im Konzept. Ich verdrängte und dachte, das wird schon. Und dann wurde es. Was wir im Jahr 2006 anfingen zu planen, wurde 2010 endlich Wirklichkeit. Vier Jahre von der ersten Planung bis hin zum fertigen Ergebnis: Ein hungriges, liebebedürftiges kleines Häufchen Glück. Klingt eigentlich nach einem schönen Ergebnis, aber der Plan, der war ja offenbar nicht so dolle. Ich meine, vier Jahre? 

Über diese Wartezeit haben wir uns so dermaßen erschrocken, dass wir resümierten, das mit der Planung hat ja nicht besonders funktioniert. Sohn I war 14 Wochen alt, da wurde ich schwanger mit Sohn II.  "Das war doch nicht geplant?", wurde ich gefragt und dachte: "Ach, ihr mit eurer Planung, wir machen das schon!" 
Mit 6 Monate altem Sohn II und 20 Monate altem Sohn I zogen wir von Budapest nach Deutschland. Nach weiteren 8 Monaten wurde ich - mitten im Referendariat - schwanger. Mit unserer Tochter. "Das war jetzt aber ganz sicher nicht geplant, oder? Das kannst du mir nicht erzählen!" Nun, was soll ich sagen, sie kam überraschend, das stimmt wohl. Aber wir hatten mit der Kinderplanung auch nicht so besonders gute Erfahrungen gemacht. Man möge das verstehen.

2015 wurde die Tochter ein Jahr alt und ich nahm mir Anfang des Jahres - ein wenig flapsig-scherzhaft, aber doch auch irgendwie ernsthaft vor, 2016 nicht schwanger zu werden. Gleichzeitig merkte ich von Woche zu Woche mehr, wie mich die Babysehnsucht packte. Hier liefen alle Kinder, hielten ihre Löffel selbstständig und schliefen nächtelang durch und ich arbeitete. Und irgendwann stellte ich fest: Es wird Zeit, dass wir unsere Kinderplanung abschließen. Mit einem geplanten Kind.  Und ich dachte noch so bei mir: Ohje, das können wir ja nicht so gut. Das mit dem Planen. Ein unschwangerer Zyklus reichte, um mir den Mut meiner eigenen Planung zu nehmen. Ich hatte sie noch gut in Erinnerung, diese dreieinhalb Jahre Kinderwunsch. Ich kann das nicht, sagte ich zu meinem Mann. Wenn es nächsten Monat nicht klappt, dann lassen wir das. Es klappte natürlich. Gut geplant, oder?

Wir planen nun, dass wir komplett sind, wenn wir zu sechst sind. Und als Paar und als Familie blicken wir zurück und denken dabei ganz oft: Das hätten wir niemals so planen können. Das ist viel zu schön, um geplant zu sein.