Montag, 31. Oktober 2016

Das muss es sein, das Elternparadies

Manchmal erlebt man als Eltern einen Moment mit seinen Kindern, ganz indirekt aus der Ferne, in dem man denkt, ach wenn ich jetzt eine Kamera hätte, das wäre doch schön, dann könnte ich diesen Moment festhalten und dann fällt einem mitten im selben Moment ein, dass das gar nicht festhaltbar ist, so schön wie das ist und dass man den Moment nicht ruinieren will mit dem Wühlen nach dem passenden Endgerät und mit dem Verschwenden der eigenen Gedanken an die richtige Perspektive für die Verewigung des Moments. Und deshalb schaut man einfach hin, ganz genau. 

So wie wir heute nach dem Mittagessen. Auf unseren Sesseln im Restaurant. Vor einem Espresso und einem Stück lauwarmen Schokokuchen, mit Blick auf den Spielplatz direkt vor dem Restaurant. Das klingt, als dächte ich mir das aus, das kann so schön gar nicht gewesen sein, aber doch, das war es tatsächlich. 
Wir saßen da vor dieser Kulisse und schauten zu, wie Sohn I und Sohn II Tochter I helfen wollten in die Kleinkindschaukel zu klettern, damit diese schaukeln kann. Sie besprachen miteinander die Strategie, denn schnell stellte sich heraus, dass keiner der beiden stark genug wäre, sie hinein zu heben, fanden aber einen Stuhl und befanden, dass Tochter I über diesen in die Schaukel klettern sollte. Stellten sodann fest, dass der Stuhl nicht hoch genug war, aber man müsste noch mehr Stühle haben und diese stapeln, das würde doch dann sicher einen höheren Turm ergeben. 

Und so ergab es sich, dass alle Stühle übereinander gestapelt tatsächlich ausreichten und Sohn I mit viel Wirtschafterei und auch etwas Durchwürgerei Tochter I in die Schaukel half, um sie dann vollständig zu beglücken, indem er sie noch anschubste. Sohn I und Sohn II gratulierten sich noch zu erfolgreichem Teamwork. Und die Eltern schauten aus der Ferne zu, schlürften Espresso, ließen sich Eis und Schokokuchen mit flüssigem Kern auf der Zunge zergehen und dachten, dass muss es sein, dieses Elternparadies.

Übers Tragen oder über große Wäscheberge

"Wenn du zwei oder drei hättest, könntest du das auch nicht machen", spricht der Opa zu mir, seiner Tochter, die seine Enkeltochter im Tragetuch (aus dem die Autokorrektur gerne Tagebuch machen will, weil alles andere etwas eigenwillig erscheint) vor dem Bauch hat und versucht, sie möglichst wenig mit Hühnerfrikassee zu bekleckern, weniger deshalb, weil das Baby nicht schmutzig werden soll, als vielmehr, damit es nicht aufwacht, denn das wäre doch denkbar ungünstig, wenn sie die eigene Mahlzeit unterbrechen müsste, um eine für das Kind zu organisieren. 

Ich hörte diesen Satz und überlegte lange daran herum. Nicht weil er so schlimm ist oder ich mich so darüber aufrege, denn das tue ich nicht. Ich bin, was solche Anmerkungen angeht, ganz altersmilde geworden, wenn sie von den eigenen Eltern kommen, erst recht. Woher das kommt, weiß ich nicht. Vielleicht bin ich alt, weil im Grunde 40. Aber ich finde es nicht mehr so lohnenswert wie früher, immer gleich zum Protestmarsch zu aktivieren. Da kommt dann alles in Wallung und am Ende regt man sich noch so sehr auf, dass man Mahlzeiten unterbrechen muss. Oder gar abbrechen. Ein Frevel wäre das. Und der wunderbare Tragetucheffekt - der mit dem schlafenden Baby - wäre am Ende gar auch weg. Das hat keinen Sinn. 

Nachdenklich hat mich der Kommentar dennoch gemacht. Mein erster Gedanke war, was für ein Unsinn. Last time I checked, saßen da drei andere Kinder mit am Tisch. Ich habe also "zwei oder drei" und trage das jüngste Exemplar dennoch im Tuch. Weil dieser Gedanke ein sehr plötzlicher war und dabei ein sehr unüberlegter, wie die meisten dieser Art, polterte er heraus wie ein Kleinkind in den Spielzeugladen hinein und wurde direkt väterlich zurecht gerückt: Es ginge dabei ja um zwei oder drei Babys, die man nicht gleichzeitig tragen könne. 
Auch daran dachte ich noch eine Weile herum, selbst das könne man ja irgendwie, es gibt ja auch Menschen, die behaupten, man könne nicht zwei Kinder gleichzeitig stillen, und doch habe ich das mehrere Monate getan, ohne irgendwie besonders zu sein. Nacheinander halt. Wie man eben auch zwei oder drei Kinder tragen kann. Nacheinander. Wie bei allen anderen Aktivitäten, bei denen es dazu kommt, dass Kinder sich eben abwechseln müssen. Das soll ja vorkommen. Das diskutierte ich aber nicht mehr aus, hier setzte meine Altersmilde bezüglich solcher Kommentare ein. Stattdessen überlegte ich, woher kommt dieser Kommentar, warum muss der raus? Was soll er bedeuten und warum kann er nicht drin bleiben? Vielen würde das gut tun, wenn Kommentare dieser Art einfach drin blieben, denn nicht alle sind ja alt. Oder milde. Oder ...Sie wissen schon. Aber das scheint oft nicht zu gehen. Was raus muss, scheint rauszumüssen.

Hier prallen offenbar Welten aufeinander. Welten, die sich so massiv unterscheiden, dass man geneigt ist, aus Studien zu zitieren oder wenigstens aus dem Internet, um den anderen von der eigenen Sache zu überzeugen. Ich kann mich da beherrschen, ich schlucke das herunter und lasse meine Gedanken ein wenig wachsen, bevor ich sie herausschieße. Manchmal schieße ich auch gar nicht mehr. Sogar sehr oft. Deswegen denke ich aber nicht weniger. Eigenartige Sache, das.

Und so kam es, dass ich an diesem Wochenende herausfand, warum ich mein viertes Kind soviel herumtrage, statt es abzulegen, so schnell wie möglich. Warum ich soviel mit ihr herum sitze und kuschele, statt sie herumzuschieben oder was anderes zu tun. Warum ich lieber zwei Stunden mit ihr im Sessel sitze, als eine halbe Stunde was wirklich, wirklich Wichtiges zu tun. 

Ein Baby zu tragen macht Spaß. Ein Baby nicht abzulegen ist so viel schöner, als es abzulegen. Mit dem Baby im Tragetuch Mittag zu essen ist mitunter so viel stressfreier, als mit dem Gedanken zu speisen, es könnte jederzeit aufwachen und dann muss die Mahlzeit unterbrochen werden. Einfach sitzen zu bleiben mit dem Baby ist manchmal die größte Entspannung auch für mich. Und warum dann nicht? Wenn nach dem Aufstehen und Ablegen doch bloß der Wäscheberg wartet? Wozu dann aufstehen? 

Warum aber gibt es Menschen, die das anders sehen? Warum gibt es Menschen, die das Baby lieber schnell ablegen, um sich dem Wäschehaufen zu widmen? Oder die zumindest der Ansicht sind, dass man dies tun müsste? Der Gedanke, den ich mir an diesem Wochenende dazu zurecht gelegt habe und mit dem ich mich wohl fühle, in meiner ganzen altersmilden Ignoranz, ist denkbar simpel: Die Wäschehaufen dieser Menschen sind (oder waren) einfach zu groß. Ich kann das ein bisschen nachvollziehen. Auch wenn ich mich derzeit lieber mit meinem Baby zum Kuscheln auf einem unserer Wäscheberge treffe.