Dienstag, 24. Januar 2017

Vom Loslassen

Bestimmt waren Sie in Ihrem Leben auch schon mal an der Stelle, an der irgendjemand (irgendjemand vermutlich sehr Schlaues) zu Ihnen gesagt hat: „Was man wirklich liebt, muss man loslassen.”, was ja im Grunde nichts anderes ist, als ein besonders schön verpacktes ”Deal with it.” Es passt eigentlich auf Trennungssituationen jedweder Art und wird häufig auch nicht so übel genommen, weil es so philosophisch daherschwebt. Und weil jeder mindestens ein literarisches Vorbild dazu kennt (naja oder eben ausm Fernsehen, da bin ich nicht so).

Dennoch. Sie sehen mich an dieser Stelle meines Lebens sitzen und leise vor mich hingrummeln (das laute Aufstampfen gewöhne ich mir langsam ab, das ist sicher nicht das schlechteste Zeichen): "Was für ein Riesenmist. Was ICH lieb, das halt ich fest. Und dieses Loslassen, das sollen bitte andere übernehmen."

Wenn man sie in Festhalteeinheiten messen wollte, wäre die Liebe zwischen mir und meinen Kindern wohl ziemlich groß. Und auch sonst natürlich. Aber wenn sich die Formel aufstellen ließe, je fester, desto Liebe, dann wären wir da ganz weit vorn.
Nun war das bisher kein Problem. Diese Kinder sind ja diesbezüglich sehr lange sehr praktisch. Die wollen ja festgehalten werden. Am liebsten immerzu. Insofern standen wir uns da mit meiner Festhalterei nicht so richtig im Weg hier in den letzten Jahren. Doch nun ist auf einmal alles anders. „Allein!” ruft es immerzu. „Lass mich los. Lass mich gehen. Kann ich woanders...?” Und dann fragt man sich, was ist da los und will ein bisschen dagegen anfesthalten, um dann festzustellen, dass es alles nichts nützt und diese schlauen Menschen (siehe weiter oben) schon Recht haben mit dieser furchtbar schmerzlichen Weisheit. Was man liebt, lässt man ganz sicher, wahrscheinlich, vermutlich, vielleicht, doch bestimmt irgendwann los.

Und so ließ ich das Kind heute Morgen ein bisschen los. So zum Üben. Sohn I durfte allein in den Kindergarten gehen. Bevor ich das aber tat (also das mit dem Loslassen meine ich, Sie merken, es geht hier tatsächlich eher um mich, so ein Quatsch) hielt ich ihn nochmal richtig fest, sonst wäre ich wohl nicht ich, in Form von so vielen Instruktionen und Hinweisen, dass das Kind mir später, nach erfolgreich absolvierter Loslassung, freudestrahlend berichtete: „Ich hab überlebt, Mama!”

Zwei Sachen gingen da durch meinen Kopf: 
1. Genau mein Gedanke! 
2. Dieses Loslassen ist eine ziemlich komplizierte Sache, aber ich pack das.

Montag, 23. Januar 2017

Eins noch. Und dann vielleicht noch eins.

Eigentlich hatte ich versprochen, mich vom Bloggen zu verabschieden. Ich hatte mir sogar die Mühe gemacht, diese Verabschiedung anzukündigen. Das gibt ein wenig dramatischen Schliff. Soweit habe ich dabei natürlich nicht gedacht, ich wollte den Laden nur einfach tatsächlich zumachen, denn irgendwie waren sind die Schaufenster schon so angestaubt und es wollte auch niemand mehr so recht hereinschauen, was viel damit zu tun hat, dass die Auslage immer dieselbe ist und die Menschen sowieso nicht mehr so häufig in die örtlichen Geschäfte gehen. Aber noch mehr hat es damit zu tun, dass es meistens an vernünftiger Ware fehlt. Aber wie es manchmal so ist im Leben, hatte ich nun nicht mal genug Zeit, um den Laden richtig abzuwickeln und dann hatte ich plötzlich doch wieder das Bedürfnis, was anzubieten und das tue ich nun eben. Seien Sie dabei, es geht um Fakten. Alternative.

Ein Begriff, der an diesem Wochenende geprägt wurde. Wenn Ihnen das entgangen ist, dann hatten Sie vermutlich ein sehr schönes, winterliches Wochenende auf irgendeinem Skihang, fernab von digital und ich beglückwünsche Sie dazu. Denn das ist wohl ein Begriff, der einem einen Schauer über den Rücken jagt. Im gegebenen Kontext. Von nun an in jedem Kontext vermutlich. Oder schon immer, ich weiß gar nicht, so richtig trennen lässt sich das ja nun nicht mehr. Mein heimischer Kontext ist der der Kindererziehung, darauf wollte ich den Begriff gern übertragen. Manchmal hilft das, die Dinge im Kleinen zu durchdenken, um sie im Großen besser zu begreifen. Obwohl, das hier ist eigentlich ziemlich offensichtlich. Oder doch nicht?

Sie müssen wissen, ich habe ein Kind im Vorschulalter. Das müssen Sie nicht wissen, aber für die Übertragung des Bildes hilft es. Das ist dieses Alter, in dem die Kinder anfangen, mein Kind anfängt, Dinge zu sagen wie "Ich mach das nicht. Das kannst du alleine machen, du machst hier sowieso nie was!" Oder "Räum doch alleine auf!" oder "Ist mir total egal, was du von mir erwartest." oder oder oder. Ich will Sie nicht weiter belästigen, Sie merken selbst: Das Kind ist auf seiner ersten großen Reise. Es weiß nicht so genau, wohin es geht, aber es hat eine leise Ahnung, dass es aufregend wird. Sehr aufregend. Und dass nichts mehr so sein wird wie vorher. Und weil das so ist, ist es unsicher. Und versucht deswegen, sehr sicher aufzutreten. Und jetzt muss ich irgendwie von diesem verflixten es wegkommen, das macht einen ja meschugge. 

Also der Junge, um den es da geht, er ist sehr forsch. Er tobt. Er schimpft. Aber das ist gar nicht so besonders spannend, das kennt man ja. Spannender sind die zahlreichen Tests meiner Geduld, meiner Güte. Meiner Ausdauer. Meiner, naja alles, was man eben bei Eltern so testen kann, wie das so funktioniert. Man probiert was, merkt, oh, da wird sie laut, dann probiert man was anderes und merkt, oh, da passiert gar nichts, das is ja langweilig und dann probiert man einfach im Restaurant auf den Tisch zu klettern und schaut, was dann passiert. Oh. Es gibt da so einiges, was man testen kann, überlegen Sie doch ruhig mal kurz, was sich da bei Ihnen gut testen ließe.

Aber zurück zu den alternativen Fakten. Mit denen ist es ja so, man kann sich mit ihnen die Wahrheit so hübsch machen. Und dann muss man im gegebenen Fall weniger handeln. Man muss eigentlich gar nicht handeln. Man stellt sich einfach die hübsche Wahrheit vor und baut darauf auf. Den Rest machen dann die anderen.

Fakt:
Das Kind setzt sich im Restaurant auf den Tisch. 
AF:
Was Sie da als Tisch verkaufen, war in Wirklichkeit ein großer Stuhl. Wenn das zu erkennen, Sie nicht in der Lage sind, liegt das Problem bei Ihnen und nicht bei mir oder meiner Erziehung. Das war ein Stuhl. Warum der gedeckt war? Keine Ahnung. Aber das ist auch nicht relevant. Das ist mein Kind. Und wenn das auf dem Tisch sitzen will, dann darf es das.

Fakt:
Das Kind spuckt auf den Boden.
AF:
"Das Kind hat die Spucke verloren. Das kommt manchmal vor. Selten. Sehr selten. Aber das kann passieren. Manchmal kann es dabei so wirken, als wäre es aktiv beteiligt gewesen, aber das wirkt nur so. Die Wahrheit ist alternativ."

Fakt:
Das Kind haut ein anderes Kind.
AF:
"Das Kind hat sehr feste gestreichelt. Was Sie da als Hauen interpretieren, war eine lieb gemeinte Geste. Wenn man darauf aus ist, einen Skandal aus etwas zu machen, das keiner ist, dann könnte man behaupten, das Kind hätte gehauen. Hat es aber nicht. Es hat feste gestreichelt. Und überhaupt, das andere Kind, das wollte das so."

Sie sehen, worauf ich hinaus will. Alternative Fakten sind keine Fakten. Sie sind nicht mal eine Alternative. Aber das wussten Sie sicher schon. Wie sehr mich der Begriff aber gruselt, das nicht.